Startup Camp Berlin: Wir sprachen vorab mit Speaker Christian Vollmann

Christian Vollmann ist das, was man im Silicon Valley einen „burning man“ nennt. Erfolgreich, umtriebig und ein Serientäter: Als Business Angel ist Vollmann an über 70 Unternehmen beteiligt. Nach iLove, eDarling und myVideo gründete er 2015 seine nächste Plattform: nebenan.de. Statt Singles vermittelt er nun Nachbarn im Kiez – für gemeinsame Freizeitaktivitäten, Nachbarschaftshilfe und vieles mehr.

SCB-Seedmatch-CVollmann-Interview

Seedmatch: Hallo Herr Vollmann, schön dass Sie die Zeit für uns gefunden haben. Eine Frage, die mir seit meinen Recherchen unter den Nägeln brennt: Schlafen Sie überhaupt? Nachdem ich dann noch erfahren habe, dass Sie verheiratet und Vater von drei Kindern sind, bin ich überzeugt – Sie haben Douglas Adams „Herz aus Gold“ entdeckt und reisen durch die Zeit.

Christian Vollmann: Ich schlafe im Schnitt acht Stunden pro Nacht. Sonst geht es mir auf Dauer nicht gut. Meine Devise: Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich.
Um in den restlichen 16 Stunden möglichst viel zu erreichen, habe ich mir vier Dinge angewöhnt: Prioritäten setzen, konzentriert und fokussiert arbeiten, gut delegieren, schnell entscheiden.
Und noch was: Die Wochenenden sind heilig. Sonst kommt die Familie zu kurz.

Seedmatch: Nebenan.de ist Ihr neustes Startup als Gründer. Ihre Plattform bringt Nachbarn wieder zusammen – für Blumenpflege, Straßenfeste, Lernhilfe und vieles mehr. Entstand die Idee aus einem ganz persönlichen Bedürfnis nach mehr Gemeinschaft in Ihrer Wahlheimat Berlin?

Christian Vollmann: Inspiriert hat mich eine Plattform aus Übersee, wo Nachbarschaft allerdings ganz anders läuft als bei uns – kaum jemand in Deutschland wünscht sich schließlich eine online Version von „Neighbourhood Watch“.
Ich war neugierig: Könnten geschlossene soziale Netzwerke für Nachbarschaften auch hierzulande funktionieren? Und wie müsste man sie adaptieren, damit sie angenommen würden?
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee, die zwei Dinge vereinen sollte: kommerzielles Potential und positive gesellschaftliche Wirkung. Ich wollte den Versuch wagen, das Beste aus der Non-Profit und der Startup Welt zu verbinden. Sozialer Wandel mit Breitenwirkung und tragfähigem Geschäftsmodell. Neudeutsch würde man wohl „Social impact on steroids“ sagen.
Diese Suche verschmolz dann noch mit einem ganz persönlichen Bedürfnis nach „mehr im Hier und Jetzt zu leben“. Nachbarschaft ist der Inbegriff von „Hier und Jetzt“.
Als ich dann Ashoka Fellow, betterplace.org Gründer und Sozialunternehmer Till Behnke als Mitgründer gewinnen konnte, war die Sache geritzt.

Seedmatch: Sie haben sich viel Zeit genommen mit der Entscheidung für nebenan.de. In einem Pretotyp sind Sie selber losgezogen und haben an den Türen Ihrer Nachbarn geklingelt. 19 von 20 waren bereit, Ihnen ihre E-Mail-Adressen zu geben. Hätten Sie die Idee begraben, wäre das Ergebnis anders ausgefallen?

Christian Vollmann: Wahrscheinlich schon. Es macht schließlich keinen Sinn, etwas zu bauen, was keiner haben will. Ich rate jedem, der gründen will, einen Besuch auf www.pretotyping.org
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich brenne für meine Idee, die Nachbarschaft zu beleben und bin hoffnungsloser Romantiker, Idealist und Berufsoptimist in einer Person. Aber ich bin kein Träumer.

Seedmatch: Als Gründer und Investor kennen Sie beide Interessenslagen an einem jungen Unternehmen. Wie hilft dieses Wissen bei Ihren unternehmens- und finanzstrategischen Entscheidungen? Wie half es Ihnen für nebenan.de?

Christian Vollmann: Ich habe ganz bewusst einen relevanten Betrag eigenen Geldes in www.nebenan.de investiert, um beide Brillen aufzuhaben: die des Gründers und die des Investors. Ich bin ein ausgesprochener Kritiker von Firmen wie Uber, die Geld zum Fenster rauswerfen, nur weil sie es im Moment hinterhergeworfen bekommen. Das wird auf Dauer nicht gut gehen. Kernkompetenz eines guten Unternehmers ist es, intelligent zu haushalten. Doppelt wichtig wird es, wenn man wie wir derzeit noch keinerlei Einnahmen erzielt. Dann ist Geld im wahrsten Sinne des Wortes Zeit. Zeit die man hat, zu beweisen, dass das Konzept aufgeht.

Seedmatch: Ist Scheitern und Erfolg für einen so aktiven Investor und Gründer normales Geschäft geworden? Wie gehen Sie damit um, wenn beispielsweise eine Ihrer Beteiligungen Konkurs anmeldet?

Christian Vollmann: Als Business Angel sind Totalausfälle Teil des Geschäfts. Chance und Risiko sind zwei Seiten einer Medaille. Man bekommt das eine nicht ohne das andere.
In einer sich permanent und immer schneller verändernden Welt kann man sich auch nicht auf seine Erfahrung verlassen. Dave McLure hat einmal gesagt: „Venture Capital: where inexperienced rookies think they are really fucking smart & experienced veterans think they are really fucking lucky.“ Das trifft es auf den Punkt. Wenn ich einen erfolgreichen Exit habe, bilde ich mir nicht ein, ich hätte es von Anfang an gewusst. Ich hatte einfach einen guten Riecher und viel Glück. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wenn das Geld futsch ist, war ich nicht dumm, sondern ich lag daneben und hatte schlicht Pech. Aus der Perspektive gesehen muss man sich nicht ärgern, sondern kann nach vorne schauen. Resilienz ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Gründers, aber auch eines Business Angels.

Seedmatch: Sie sprechen im April als Referent beim Startup Camp Berlin zum Thema Wachstum. Wie erkenne ich als Investor oder Business Angel, dass ein Startup das nötige Wachstumspotential mitbringt?

Christian Vollmann: Dazu müsste man in die Zukunft schauen können. Das hat leider (oder Gott-sei-Dank?) noch niemand erfunden.
Ernsthaft: Man könnte meinen, man erkennt es an der Größe des Marktes. Stimmt aber nicht. Christophe Maire sagt immer, als er mit Gate5 1999 angefangen hat digitale Karten zu bauen, hätte er Probleme gehabt, Investoren zu finden. Deren Kontra-Argument: Der Markt für Stadtpläne und Karten sei mit ein paar hundert Millionen EUR pro Jahr weltweit einfach zu klein. Heute ist der Markt für digitale Karten und alles, was darauf aufbaut, über 30 Milliarden groß. Die wirklich erfolgreichen Startups schaffen oft erst neue Märkte, die es bis dato gar nicht gab.
Es gibt aber natürlich schon Dinge, auf die ich achte. Sind die Gründer leidenschaftlich, intelligent, resilient, integer, sympathisch? Geht es ihnen nur ums Geld oder wollen sie tatsächlich ein echtes Problem lösen? Wie weit sind sie mit eigener Initiative bereits gekommen? Werfen sie beim ersten großen Setback die Flinte ins Korn oder geben sie nicht auf, bis sie am Ziel sind? Handelt es sich um ein skalierbares Modell mit verteidigbaren Wettbewerbsvorteilen?

Seedmatch: Ein hyperlokales soziales Netzwerk scheint auf den ersten Blick nur begrenztes Wachstumspotential zu besitzen. Dennoch haben Sie keine Probleme, Kapitalgeber zu finden. Liegt es daran, dass Sie als Business Angels genau die Bedürfnisse von Investoren kennen und ansprechen können – oder steckt doch viel mehr Potential in nebenan.de?

Christian Vollmann (lacht)Ich hoffe es liegt am Potenzial!
Im Ernst: Unsere Arbeitshypothese ist, dass soziale Nachbarschaftsnetzwerke die dritte große Kategorie der sozialen Netzwerke weltweit werden, neben Friends&Family auf Facebook und Geschäftskontakten auf XING/LinkedIn. Jeder Mensch ist Nachbar und hat Nachbarn, überall auf der Welt. Es gibt unzählig viele Probleme, die sich einfacher, schneller und ressourcenschonender innerhalb einer gut funktionierenden Nachbarschaft lösen lassen. Wir wollen die Plattform, das Betriebssystem für die Nachbarschaft von morgen werden. Darin liegt enorm viel Potenzial.

Seedmatch: Hat jemand, der in jungen Jahren bereits so viel erreicht hat, noch Wünsche und Ziele offen? Vielleicht Jurymitglied für „Die Höhle der Löwen“ werden?

Christian Vollmann: Große Ziele haben wir mit Nebenan.de jede Menge. Wir wollen in den ländlichen Raum wachsen und dort Dorfgemeinschaften stärken. Auch andere europäische Länder brauchen starke Nachbarschaften, heute mehr denn je. Denn starke Nachbarschaften stärken die Zivilgesellschaft. Wir möchten eine Stiftung ins Leben rufen, die sich explizit diesem gemeinnützigen Zweck verpflichtet und ihn befördert und dazu mit Städten und Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und anderen öffentlichen und sozialen Einrichtungen kooperiert. Wir planen eine Kooperation mit der Firma Nepos.io mit dem Ziel, der älteren Generation den Zugang zu ihrer digitalen Nachbarschaft zu erleichtern. Und wir träumen davon, einen deutschlandweiten Preis auszuloben für die besten Nachbarschaftsinitiativen hierzulande, um den wahren Helden dieses Landes mehr Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, Anerkennung und Unterstützung zukommen zu lassen.

Über einen Gastauftritt bei den Löwen würde ich mich übrigens tatsächlich freuen! Ich mag die Sendung.

Seedmatch: Vielen Dank und auf gute Nachbarschaft!

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  1. linn horst sen. sagt:

    ….mir wird bei der zahl ,über 70′ ganz übel !
    zudem wäre es mal nett zu wissen wieviel geld beim :
    ersten,zweiten,dritten drittel durchschnittllich investiert wurden! und % vom ges. invest aller ! ?
    wieviele von den siebzig leben nach 3,5,7 jahren noch ?
    wieviel % aller beteiligungen leben noch ?
    horst linn sen

  2. Florian Komm sagt:

    Tolles Interview mit vielen wichtigen Punkten für Gründer. Gründer sollten das Interview mindestens 3x lesen. Einer der wichtigstens Punkte von Christian ist, dass man die Grundannahmen des Geschäftsmodells so früh wie möglich testen muss. Dieser Proof-of-Concept sollte vor dem richtigen Start der Unternehmensgründung erfolgen. Es gibt genug Mittel und Wege seine eigenen Grundanahmen kostenlos oder mit kleinem Budget zu valiedieren.