mentavio: „Wir haben es mit einem europäischen Marktvolumen von jährlich 60 Milliarden Euro zu tun“

Fast jeder Dritte erkrankte im letzten Jahr an einer psychischen Störung.
Mentale Belastungen und Erkrankungen stellen heute ein gewaltiges Problem für Gesellschaft und Wirtschaft dar. Laut WHO (World Health Organisation) sind weltweit etwa 500 Millionen Menschen von psychischen Störungen betroffen. Für uns Grund genug, sich auch mal selbst durchchecken zu lassen: Vom Gründerteam unseres neuen Startups mentavio, Uwe Kampschulte, Daniel Bosch und Thomas Kruse (v. l. n. r., es fehlt Benjamin Übel), wollten wir wissen, wie es um unsere eigene mentale Gesundheit bestellt ist, warum seelische Probleme immer mehr zunehmen und wie mentavio helfen kann.

Seedmatch: Herzlich willkommen zur heutigen Sitzung vorab eurer Kampagne. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich mich bei diesem Interview ein wenig wie der Patient auf der Therapeuten-Couch fühle…

Daniel Bosch: Das klingt ja fast so, als würdest Du Dich bei dem Gedanken unwohl fühlen, Dir im Bedarfsfall professionelle Hilfe zu holen.

Uwe Kampschulte: So denken übrigens viele Leute in Deutschland. Genau das Tabu möchten wir bei mentavio durchbrechen. Deswegen bieten wir Dir die Möglichkeit, völlig ortsunabhängig mit einem Therapeuten oder Coach zu sprechen und das Ganze auf Wunsch auch anonym zu tun.

Seedmatch: Wie habt ihr euch überhaupt in dieser Konstellation zusammengefunden und kamt auf die Geschäftsidee mit mentavio? Musstet ihr im selben Patientenzimmer lange Wartezeiten totschlagen?

Daniel Bosch: Thomas und ich kennen uns seit über 30 Jahren, und mit Uwe habe ich in den letzten 15 Jahren in mehreren Projekten zusammengearbeitet. Auf die Idee kamen wir schon vor fast 10 Jahren, als wir damals – es muss kurz vor dem Verkauf unserer Lieferservice-Plattform eat-star.de gewesen sein – im Büro zusammensaßen und über Wartezeiten beim Psychotherapeuten diskutierten. Beide von uns hatten – völlig unabhängig voneinander – einen Anruf aus dem privaten Umfeld erhalten. In beiden Fällen ging es um psychische Probleme, und in beiden Fällen zeigte sich, dass die Hilfesuche doch schwieriger ist als gedacht.

Uwe Kampschulte: Wer schnell professionelle Hilfe benötigt, hat leider oft schlechte Karten. Natürlich liest man darüber immer wieder in den Medien. Aber es ist dann doch etwas anderes, wenn es einen Freund, Kollegen oder Verwandten erwischt. Immerhin: Daraus ist mentavio erwachsen.

Seedmatch: Laut der WHO haben vergangenes Jahr 27 Prozent aller Europäer – und als wäre das an sich nicht schon schlimm genug – mindestens eine psychische Störung erlebt. Statistisch gesehen betraf es also einen bis zwei von uns hier. Aber was heißt psychische Störung überhaupt?

Daniel Bosch: Die Definition ist ziemlich weit gefasst. Allgemein kann bei der psychischen Störung von einer krankhaften Beeinträchtigung der Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung, des Denkens, Fühlens oder Verhaltens sprechen. Klingt dramatisch, muss aber nicht immer gleich dramatisch sein.

Thomas Kruse: Abgesehen vom persönlichen Schicksal verursachen psychische Störungen auch immense Kosten für die Volkswirtschaften der einzelnen Länder. Weltweit werden diese Kosten auf 3 Billionen US-Dollar geschätzt.

Seedmatch: Woran würde ich merken, dass mit mir etwas nicht stimmt? Ich habe alle eure Selbsttests auf der Website wahrheitsgemäß beantwortet und liege zu meiner eigenen Überraschung überall im „Normbereich“. Brauche ich euch daher nicht?

Daniel Bosch: Ob Du uns brauchst oder nicht, musst natürlich Du selbst für Dich entscheiden. Aber natürlich können auch völlig gesunde Menschen von einer Beratung bei mentavio profitieren. Die mehr als 220 Therapeuten und Coaches bieten bei uns ja nicht primär Behandlungen im Krankheitsfall an.

Uwe Kampschulte: Richtig. Bei mentavio geht es vor allem um Beratungs- und Coachingleistungen, die der Prävention psychischer Krankheiten, dem allgemeinen Wohlbefinden oder auch der Verbesserung der eigenen Führungsfähigkeiten dienen können. Es geht auch, aber keineswegs nur um Therapie. Dies mal ganz abgesehen davon, dass die Selbsttests nur eine erste Einschätzung, aber keine Diagnose bieten können.

Seedmatch: Die psychisch bedingten Ausfalltage eines Arbeitnehmers haben sich in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht. Depressionen, Angststörungen oder Burn-out gehören mittlerweile zu den großen Volkskrankheiten. Woher kommt dieser beunruhigende Trend? Werden wir tatsächlich kränker, bspw. durch gesellschaftliche oder Umweltveränderungen? Oder reagieren wir nur sensibler, wenn etwas von der gesellschaftlichen Norm abweicht?

Uwe Kampschulte: Es gibt keine monokausale Erklärung für diesen Trend, aber es gibt eine Reihe von Entwicklungen, die zum Anstieg psychischer Störungen beitragen.

Thomas Kruse: Dazu zählen nicht zuletzt die ständige Erreichbarkeit durch die neuen Kommunikationsmittel und der Druck, als Unternehmen eine Steigerung der Produktivität hinzubekommen, was oft zu mehr Arbeitsbelastung und Stress bei den Mitarbeitern führt. Außerdem geben heute schlichtweg mehr Menschen zu, dass sie professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.

Seedmatch: Wie lässt sich dieser Trend aufhalten? Könnte ich durch frühzeitige oder stetige therapeutische Konsultationen auch Prophylaxe betreiben?

Thomas Kruse: Ich selbst bin kein Psychotherapeut, weiß aber aus den Gesprächen mit Therapeuten über mentavio, dass beispielsweise Schlafstörungen ein frühes Indiz für eine sich anbahnende psychische Störung sein können.

Uwe Kampschulte: Nicht alle psychischen Erkrankungen lassen sich durch den prophylaktischen Gang zum Psychotherapeuten verhindern. Aber es gibt durchaus viele Störungen, bei denen das der Fall ist. Eine Person, der es über einen längeren Zeitraum seelisch nicht gut geht, tut gut daran, rechtzeitig zum Therapeuten zu gehen. Wer damit zu lange wartet, läuft Gefahr, ernsthaft zu erkranken. Daher macht Prophylaxe auf jeden Fall Sinn.

Seedmatch: Ein Problem, was ihr mit mentavio angehen wollt, ist die medizinische Unterversorgung. Sofern mich ein Therapeut überhaupt aufnimmt, muss ich lange Wartezeiten bis zum Termin und oft auch weite Fahrstrecken in Kauf nehmen. Wenn schlussendlich mentavio auf den gleichen Therapeuten-Pool zugreift, müsste sich das ambulante offline-Angebot doch zusätzlich verknappen – sofern bei vollem Terminkalender die Ärzte überhaupt zur Online-Akquise wechseln? Wie kann das funktionieren?

Thomas Kruse: Es ist wichtig zu verstehen, dass sich das ganze Thema mit der Wartezeit nur auf Kassenpraxen und die Behandlung von psychischen Krankheiten bezieht. Sobald man sich psychotherapeutische Privatpraxen oder z.B. Diplom-Psychologen, die als Coach tätig sind, anschaut, fällt das Thema Wartezeit weitestgehend weg. Was allerdings bleibt ist die typischerweise schlechte Erreichbarkeit und die Beschränkung auf die typischen Praxisöffnungszeiten. Beides fällt bei uns weg.

Seedmatch: Könnt ihr mir, natürlich völlig allgemein und anonymisiert, eine beispielhafte Bandbreite aufzeigen, bei welchen Problemen eure Kunden über mentavio einen Coach oder Therapeuten suchen?

Daniel Bosch: Sehr gerne. Du wirst dann auch direkt erkennen, dass die Leute uns nicht nur wegen Krankheiten anrufen. Uwe hatte zum Beispiel neulich eine ganz besorgte Dame am Telefon…

Uwe Kampschulte: Die hatte gerade ihrer Tochter eine Ohrfeige verpasst, schämte sich dafür und wollte wissen, wie sie solche Affekthandlungen künftig verhindern kann. Ein klares Erziehungsproblem, das absolut nichts mit einer psychischen Krankheit zu tun hat.

Thomas Kruse: Und davon gibt es halt zig Themen. Erziehung, Sexualberatung, Zeitmanagement, übermäßiger Stress, drohender Burnout, Gesundheitsthemen wie mit Rauchen aufhören, Entspannungstechniken, Verkehrstherapie im Rahmen einer MPU-Vorbereitung usw.

Seedmatch: Was ist mit den Angehörigen eines Patienten mit beispielsweiser einer Suchtkrankheit, traumatischer Belastungsstörung oder Depression? Eine psychische Störung kann oft weite Kreise ziehen.

Daniel Bosch: Auch Angehörige nutzen die Dienste von mentavio, und zwar nicht gerade selten. Wir bekommen von den Inhalten der Gespräche selbst zwar nichts mit und können die Gesprächsinhalte nicht einmal über unsere Datenbank einsehen, da wirklich alles verschlüsselt wird. Wenn uns aber Klienten direkt anrufen, weil sie Fragen zur Bedienung oder zum Datenschutz der Plattform haben, dann erzählen sie uns manchmal davon, warum sie zu mentavio kommen.

Uwe Kampschulte: Da geht es dann oft gar nicht nur um sie, sondern eben auch um den Umgang z. B. mit einem Freund oder Familienangehörigen, der psychische Probleme hat. Das kann für das Umfeld nämlich ganz schön belastend oder sogar frustrierend sein. Viele wollen ja gerne helfen, aber sie können das in einer bestimmten Situation nicht so, wie es angemessen wäre.

Seedmatch: Als ich noch in den USA lebte, lernte ich den geflügelten Ausspruch kennen, jeder echte New Yorker hätte einen eigenen Therapeuten. Und in der Tat schien das „Haben“ eines Therapeuten eher ein Prestige denn Stigma zu sein. Auf Familientreffen, im Country Club oder auf der Party unterhielt man sich wie selbstverständlich offen darüber, ob der psychoanalytische Ansatz bspw. dem kognitivistischen vorzuziehen sei und mit welchem man die besten Erfahrungen gemacht habe. Man kann sich natürlich zu Recht hinlänglich über das Klischee des neurotischen New Yorkers streiten, aber Tabuisieren schien in Europa und im Speziellen in Deutschland nicht der smarteste Ansatz gewesen zu sein. Durch die vermehrte mediale Berichterstattung scheint so langsam eine Aufarbeitung stattzufinden. Werden wir nun toleranter oder ist der Handlungsbedarf dringlicher?

Daniel Bosch: Die Gesellschaft wandelt sich definitiv. Ich weiß nicht, ob meine Eltern jemals bei einem Psychologen waren, aber wenn, dann hätten sie sicherlich nicht offen darüber gesprochen. Bei den Jugendlichen ist das heute schon ganz anders. Die empfehlen sich ihre Therapeuten teilweise sogar gegenseitig.

Thomas Kruse: Das ist auch meine Erfahrung. Trotzdem geben wir gerade auch Menschen, die nicht gerne über das Thema reden, eine Plattform, über die sie sich wenn gewünscht auch anonym Hilfe oder Unterstützung holen können, ohne Gefahr zu laufen, im Wartezimmer des Therapeuten oder Coach andere Menschen zu treffen.

Seedmatch: Bisher müssen eure Kunden ihre mentavio-Therapeuten und -Coaches selbst bezahlen. Ist eine Erstattung der Kosten über die Krankenkassen gänzlich ausgeschlossen oder gibt es andere Möglichkeiten, euren Service für weniger liquide Kunden zugänglich zu machen?

Daniel Bosch: Nicht alle Kunden müssen für die Beratungs- oder Behandlungskosten selbst aufkommen. Wer privat krankenversichert ist, muss eine Kostenübernahme zwar anfragen, die Chancen dafür stehen jedoch gut. Du hast allerdings recht, was die gesetzlich Versicherten betrifft.

Uwe Kampschulte: Da liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns. Allerdings waren die ersten Gespräche mit Krankenkassen wie der BKK-VBU sehr vielversprechend.

Thomas Kruse: Wichtig ist zu erwähnen, dass unser gesamter Businessplan nicht auf die Erstattung durch Krankenkassen basiert ist – das ist für uns ein Upside. Wir sehen uns weiterhin als europäische Plattform und gerade im Ausland gibt es auch im Bereich Therapie interessante Selbstzahlermärkte. Wenn Verträge mit Kassen möglich werden, wird es natürlich nochmal interessant. An dem Thema dran sind wir in jedem Fall.

Seedmatch: Warum lohnt es sich, in mentavio zu investieren und euch weiterzuempfehlen?

Thomas Kruse: Wir haben es hier mit einem europäischen Marktvolumen von jährlich etwa €60 Milliarden zu tun und fast alles ist noch offline. Psychologische Therapie, Beratung und Coaching eignen sich hervorragend für die Kommunikation per Video, Telefon oder Chat, daher wartet der Sektor geradezu darauf, digitalisiert zu werden.

Daniel Bosch: Wir sind eines der ersten Unternehmen, die die psychologische Onlineberatung in Deutschland vorantreiben. Wir glauben fest an unser Produkt und sind überzeugt, dass diejenigen, die jetzt frühzeitig in das Thema investieren, davon besonders profitieren werden. Vor 20 bis 25 Jahren gingen die Menschen in Reisebüros, um ein Bahnticket zu kaufen. Heute bucht praktisch jeder seine Reise im Internet. Wir sind uns sicher, dass es schon in wenigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein wird, online zum Psychologen oder Arzt zu gehen. In anderen Länder es ja bereits der Fall.

Seedmatch: Vielen Dank für die interessanten Einblicke in dieses gesellschaftlich relevante Thema.
Eure Antworten schienen sehr logisch, überzeugend und im Rahmen des Normbereiches. Euch geht’s gut. Und wie geht es mir?

Daniel Bosch: Bei dem Wetter draußen kann es Dir doch nur gut gehen, oder?

Uwe Kampschulte: Und falls nicht, dann päppeln wir Dich einfach wieder auf. Einverstanden?

Seedmatch: Vielen Dank für das Angebot, ich werde bei Bedarf auf alle Fälle auf euch zukommen. Darüber hinaus wünschen wir euch eine erfolgreiche Kampagne auf Seedmatch!

Daniel Bosch: Vielen Dank für die guten Wünsche und Eure Mühe. Ihr habt echt keine Arbeit gescheut.

Uwe Kampschulte: Ich freue mich riesig auf die Kampagne. Danke für die Unterstützung.

Thomas Kruse: Vielen Dank. Wir freuen uns auf den Austausch mit der Crowd.

 

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