Starker Anstieg psychischer Erkrankungen hat erhebliche Folgen für die Wirtschaft

Das Telefon klingelt unablässig, im Posteingang jagt eine Mail die nächste – doch zum Beantworten oder gar zum fokussierten Arbeiten an einem Projekt kommt es nicht, denn schon steht das nächste Meeting an, in dem kaum zu bewältigende Projekte – am besten bis vorgestern – besprochen werden… Die moderne Arbeitswelt bringt eine Vielzahl an Herausforderungen mit sich. Gerade die Arbeitsbedingungen in Startups und die daraus resultierenden psychischen Belastungen für die Mitarbeiter standen in den letzten Monaten häufiger im Fokus der Medien, etwa durch die Erfahrungen von Mathilde Ramadier, die innerhalb von fünf Jahren in zwölf Berliner Startups arbeitete und sich kritisch zu ihren Erfahrungen äußert. Die Unsicherheit ihres Arbeitsplatzes, viele Überstunden und sich häufig verändernde Arbeitsprozesse machen Startup-Mitarbeitern zu schaffen. Gleichzeitig ist die Personal- und Organisationsentwicklung in den jungen Unternehmen oft noch nicht so weit, dass wirksam gegengesteuert werden kann. Diese und ähnliche Faktoren tragen – sowohl in Startups als auch in etablierten Unternehmen – dazu bei, dass psychische Belastungen und Erkrankungen unter Erwerbstätigen seit Jahren zunehmen. Die Folgen für die Unternehmen sowie die gesamte Volkswirtschaft sind teils verheerend.



Psychische Leiden zählen mittlerweile zu den „großen Volkskrankheiten“ und sind dabei, den weitverbreiteten Rückenbeschwerden den Rang als häufigste Krankheitsursache abzulaufen. Derzeit sind Rücken- sowie andere Muskel- und Skelett-Erkrankungen für 22 Prozent aller Fehltage verantwortlich, psychische Erkrankungen bereits für 17 Prozent. Bei weiblichen Arbeitnehmern zeigt sich sogar ein noch drastischeres Bild – hier sind psychische Leiden bereits die Krankheitsursache Nummer 1. Besonders alarmierend ist auch die Anzahl der Fehltage, die mit psychischen Erkrankungen einhergeht und weitaus höher liegt als bei anderen Krankheitsursachen: Eine Krankschreibung aus psychischen Gründen dauert im Schnitt 38 Tage, auf 100 Versicherte kommen 246 psychisch bedingte Ausfalltage pro Jahr – eine Verdreifachung innerhalb der letzten 20 Jahre. Burnout ist nicht mehr die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung – Depressionen und Angststörungen haben deutlich zugenommen.

Wenn Mitarbeiter lange ausfallen, entstehen hohe Kosten

Diese Zahlen lassen erahnen, welchen immensen Schaden für Unternehmen die Häufung psychischer Leiden nach sich zieht. Der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zufolge entstehen dadurch direkte Krankheitskosten in Höhe von knapp 16 Milliarden Euro pro Jahr, wobei die indirekten Kosten, etwa durch reduzierte Produktivität und vorzeitige Verrentung betroffener Mitarbeiter, noch nicht eingerechnet sind. Die Produktionsausfallkosten belaufen sich auf 8,3 Milliarden Euro und der Ausfall an Bruttowertschöpfung durch psychische Erkrankungen auf 13,1 Milliarden Euro.

Obwohl psychische Erkrankungen mittlerweile eine so große Rolle in unserer Gesellschaft spielen, begibt sich bei weitem nicht jeder Betroffene in eine geeignete Therapie. Die Behandlungsquote liegt derzeit je nach Quelle nur bei etwa 30 bis 60 Prozent der psychisch Erkrankten. Die Gründe dafür sind vielfältig: So sind psychische Behandlungen immer noch häufig stigmatisiert und viele Menschen denken sich: „Was, ein Fall für den Seelenklempner? Ich doch nicht…“. Zugleich besteht die Angst, dass Thema psychische Erkrankung im Freundes- und Bekanntenkreis sowie am Arbeitsplatz unfreiwillig publik zu machen, weil die Behandlungen nicht anonym und diskret genug durchgeführt werden können.

Mehr Sensibilität in den Unternehmen und leichter zugängliche Beratungsangebote benötigt

Es gibt also viele Ansatzpunkte, die dabei helfen können, den Umgang mit psychischen Erkrankungen zu verbessern und so zur seelischen Gesundheit von Erwerbstätigen beizutragen. Dazu zählen unkomplizierte Angebote mit geringen Einstiegshürden im Bereich der psychologischen Erstversorgung, die sich gut in den oftmals stressigen Alltag vieler Betroffener integrieren lassen und besonders diskret ablaufen. Ein Schritt in diese Richtung ist beispielsweise die möglicherweise bevorstehende Lockerung des Fernbehandlungsverbots, das bisher den persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient zwingend vorschreibt. Zukünftig wäre es dann möglich, dass beide sich ausschließlich online – etwa über Skype – austauschen.

Doch auch die Unternehmen selbst können einiges tun. Während höhenverstellbare Schreibtische, ergonomische Sitzmöbel oder Obstkörbe in den Büros bereits vielfach zum Standard gehören, haben Geschäftsführungen und Personalabteilungen die seelische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter häufig noch weniger stark im Blick. Eine gesunde Work-Life-Balance, realistische und motivierende Arbeitsziele sowie ein wertschätzender Umgang miteinander im Unternehmen sind nur einige Stichwörter, die einen positiven Effekt erzielen können und an denen sich hoffentlich mehr und mehr Unternehmen orientieren werden…

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  1. Annika Franke sagt:

    Am besten ist es, wenn Mitarbeiter gar nicht an psychischen Erkrankungen erleiden und im Unternehmen dadurch Kosten entstehen. Mobbing, Demotivation, privater und beruflicher Stress können die Ursachen für die Erkrankung oder „Blau machen“ Krankmeldung sein. Mit den einfachen aber sicherlich effektiven Tipps in Ihrem Artikel, wie zum Beispiel eine gesunde Work-Life-Balance, wertschätzender Umgang und realistische Zielsetzung können die psychische Erkrankung der Mitarbeiter bestimmt vorbeugen.

    • Kirsten Petzold sagt:

      Hallo Annika,

      vielen Dank für deine Ergänzung. Wir sehen es genau so – es gibt vielfältige Ursachen für psychische Belastungen und Erkrankungen bei Mitarbeitern, und viele davon ließen sich durch Aspekte wie Wertschätzung, Stressreduzierung und eine verbesserte Work-Life-Balance vermeiden oder zumindest lindern. Hier muss das Bewusstsein in den Unternehmen auf jeden Fall gestärkt werden. Für all jene, die dennoch von psychischen Störungen betroffen sind, ist es wichtig, dass sie zeitnah eine gute Versorgung durch Psychologen oder Psychotherapeuten erhalten. Hier ist die Lage leider aktuell in vielen Städten und Regionen sehr angespannt und Betroffene müssen lange auf einen Termin warten – ein Misstand, den unser aktuelles Funding mentavio mit seinem Geschäftsmodell adressiert.

      Herzliche Grüße,
      Kirsten Petzold

  2. Hellfire sagt:

    Ein solch gewichtiges Thema mit einer App heilen zu wollen, halte ich doch für ein lustiges, absurdes Gerücht. Ich meine, hier werden irgendwelche Teufel erdacht und Paranoia gefördert, wie auch nicht zuletzt Hypohondrie.
    Psychische „Leiden“ (gerne eingebildet) sind ein toller Name evtl. etwas verunsicherten Menschen Blödsinn anzudrehen.
    Man ist solange krank, bis der Arzt oder ein anderer Scharlatan das Gegenteil beweist, oder wie?
    Antibakterielle Seife tötet 99% der Bakterien, gewöhnliche Seife auch. Dieses Gleichnis genügt.

    • Kirsten Petzold sagt:

      Hallo Peter,

      wie im Beitrag dargelegt, steigt die Anzahl von Menschen, die von psychischen Leiden betroffen sind, leider kontinuierlich an. Dass Menschen, die unter psychischen Belastungen leiden, schnell und unkompliziert Hilfe bekommen können, finden wir sehr wichtig. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass Betroffene auch schon in einem frühen Stadium oder einer vorübergehenden belastenden Lebenssituation die Möglichkeit haben, sich Hilfe zu holen, denn so können schwerere psychische Störungen vermieden werden. Keine Hilfe zu holen aus Angst davor, stigmatisiert zu werden oder – wie in deinem Kommentar – als Hypochonder angesehen zu werden, ist kontraproduktiv. Darüber hinaus war im Beitrag nie die Rede von einer App, die psychische Störungen heilt. Falls du auf unser aktuelles Funding mentavio anspielst: Über die mentavio-Plattform tauschen sich Psychologen, Psychotherapeuten und Coaches digital mit ihren Klienten aus. Es besteht also eine vertrauensvolle Therapeut-Patienten-Beziehung, nur dass die Sitzungen digital stattfinden, was sich positiv auf Terminfindung und Verfügbarkeiten auswirkt und zudem die Schwelle, Kontakt zu einem Therapeuten aufzunehmen, senkt.

      Viele Grüße,
      Kirsten Petzold