Steuer-ABC für Investoren: So machen Sie als privater Anleger Ausfälle beim Crowdinvesting steuerlich geltend

Nicht nur für typische Kreditgeber wie beispielsweise Banken, Business-Angels, Venture Capital-Gesellschaften, sondern auch für Anleger beim Crowdinvesting kann es trotz sorgfältiger Auswahl- und Prüfprozesse zu Kreditausfällen kommen. Der Emittent – sprich das Startup oder Unternehmen – ist also nicht mehr in der Lage, das als Darlehen zur Verfügung gestellte Kapital an den Anleger zurückzuzahlen. Kann er nicht einmal Teilbeträge begleichen, handelt es sich um vollständigen Ausfall, einen sogenannten Totalausfall. Es kann natürlich auch vorkommen, dass der Emittent nur stockend oder nur zu einem Teil seine Verbindlichkeiten begleichen kann.

Zusammen mit unserem Steuer- und Crowdfunding-Experten Steuerberater Dr. Rainer Schenk erläutern wir, inwieweit Sie teilweise Ausfälle oder Totalverluste steuerlich geltend machen können.

Allgemeines

Wir behandeln in dem heutigen Beitrag rein Ausfälle für private Crowdinvestoren. In einem Folgebeitrag geht es dann um Ausfälle bei institutionellen Anlegern. Aufgrund der Komplexität länderspezifischer Steuergesetzgebung beschränken wir uns zudem nur auf die steuerlichen Folgen für sogenannte Steuerinländer, also private Crowdinvestoren, die in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig sind.

Einstufung der Einkunftsart beim Crowdinvesting

Das Engagement eines privaten Crowdinvestors bzw. Anlegers ist steuerlich grundsätzlich der Einkunftsart “Einkünfte aus Kapitalvermögen” zuzuordnen. Im Einkommensteuergesetz (EStG) ist dies konkret in den Paragraphen § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG und § 20 Abs. Satz 1 Nr. 7 EStG geregelt. Bei den Zinszahlungen an die Anleger verhält sich das alles recht einfach. Sobald die in einem Kalenderjahr erhaltenen Zinszahlungen den persönlichen Sparerfreibetrag von 801 Euro (bei zusammenveranlagten Ehepaaren bzw. eingetragenen Lebenspartnerschaften beträgt dieser Sparerfreibetrag 1.602 Euro) überschreiten, fällt die sogenannte Abgeltungssteuer in Höhe von 25 % (zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer) an.

Was passiert nun bei einem Ausfall beim Crowdinvesting?

Im oben beschriebenen Einkommensteuergesetz ist ferner geregelt, dass zu den Einkünften aus Kapitalvermögen auch ein etwaiger Gewinn aus der Veräußerung einer sonstigen Kapitalforderungen gehört.

Verluste durch den Ausfall einer solchen privaten sonstigen Kapitalforderung waren jedoch bis Ende 2017 steuerlich nicht relevant. Sie konnten also durch den Anleger und Crowdinvestor nicht als negative Einkünfte aus Kapitalvermögen steuermindernd geltend gemacht werden.

Sowohl die Finanzverwaltung als auch die Finanzgerichtsrechtsprechung hatten nämlich bestimmt, dass der Ausfall von privaten Darlehensforderung (z. B. infolge einer Insolvenz des Schuldners und Darlehensnehmers) nicht als Verlust bei den Einkünften aus Kapitalvermögen berücksichtigt werden kann. Das Finanzgericht Düsseldorf lehnte die Anerkennung solcher Verluste ab und begründete dies damit, dass ein Forderungsausfall keine Veräußerung sei. Die Finanzverwaltung selbst hatte die steuerliche Behandlung von privaten Forderungsausfällen in einem eigenen BMF Schreiben (BMF vom 09.12.2012) als Verwaltungsanweisung geregelt. In der Finanzamtspraxis hielt man also, wirtschaftlich gesehen völlig unverständlich, nur an dem Wortlaut “Veräußerung” fest. Ein Forderungsausfall galt somit nicht als Veräußerung, ebensowenig ein Forderungsverzicht. Würde der Darlehensnehmer jedoch seine Kapitalforderung mit Verlust verkaufen, also an einen Dritten abtreten und dabei einen Verlust erzielen, dann wäre dies ein steuerlich anzuerkennender Verlust aus einer “Veräußerung”. Forderungsausfall und Forderungsverzicht galten daher für den privaten Anleger bis dato als steuerlich unerheblich.

Nichtsdestotrotz dieses Beschlusses sollen in der Vergangenheit einige Finanzämter den Verlust dennoch als kapitalertragmindernd anerkannt haben, wenn der Anleger seinen Verlust bzw. Ausfall nachweisen konnte. Sofern also seine Einkünfte aus Kapitalvermögen über seinen Sparerfreibetrag lagen, konnten demnach die Ausfälle den steuerrelevanten Überhang mindern. Dafür gab es allerdings wie Eingangs beschrieben keine rechtliche Grundlage.

Die Rechtsprechung hat sich nunmehr zu Gunsten des privaten Anlegers geändert!

Das höchste deutsche Gericht in Sachen Steuerrecht, der Bundesfinanzhof (BFH) in München, hat mit seinem Urteil vom 24.10.2017 (Aktenzeichen VIII R 13/15) für die privaten Anleger die steuerliche Wende gebracht.

Leitsatz des Urteils ist, dass der insolvenzbedingte Ausfall einer privaten Darlehensforderung sehr wohl und entgegen der bisherigen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung als Verlust bei den Einkünften aus Kapitalvermögen gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 7 des Einkommensteuergesetzes steuerlich anzuerkennen sei. Der insolvenzbedingte endgültige Ausfall einer Kapitalforderung – aus welchen Gründen auch immer – führt nach Einführung der Abgeltungsteuer ab dem Jahr 2009, also nach Einführung der Abgeltungssteuer, zu einem steuerlich anzuerkennenden Verlust auf der privaten Vermögenssphäre des Inhabers dieser sonstigen Kapitalforderung. Der Bundesfinanzhof hat das bis dahin von der Finanzverwaltung angewendete gegenteilige Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf aufgehoben. Durch diesen Wandel in der Rechtsprechung führt somit der insolvenzbedingte endgültige Ausfall oder Teilausfall einer Kapitalforderung beim privaten Anleger zu einem steuerlich zu berücksichtigenden Verlust bei den Einkünften aus Kapitalvermögen.

Das Urteil des Bundesfinanzhof hat jedoch eine “feine Besonderheit”, die es zu beachten gilt. In dem zugrundeliegenden Sachverhalt, über den der Bundesfinanzhof zu urteilen hatte, ging es explizit um einen Forderungsausfall aufgrund der Insolvenz des Darlehensnehmers. Laut BFH würde die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens über das Vermögen eines Schuldners in der Regel noch nicht ausreichen, um einen steuerlich anzuerkennenden Ausfalls zu erzielen. Im übertragenen Sinn gilt diese Wertung des BFH auch für Ausfälle beim Crowdfunding (Crowdlending oder Crowdinvesting).

Unproblematisch scheinen hingegen die Ausfälle zu sein, in denen die Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse abgelehnt wird oder aus anderen Gründen feststeht, dass mit einer Rückzahlung der Kapitalforderung nicht mehr zu rechnen ist.

In aller Regel führt bei einem “normalen” Insolvenzverfahren erst dessen Abschluss zu einer finalen Feststellung über die Höhe des Ausfalls. Einen belastbaren und steuerlich anzuerkennenden Nachweis über den Ausfall der Kapitalforderung wird der Insolvenzverwalter erst zu diesem Zeitpunkt dem Gläubiger bestätigen, da, solange das Verfahren noch läuft, ggf. Verbindlichkeiten durch den Verkauf wichtiger Assets noch beglichen oder gar das Unternehmen wieder zurück in die Wirtschaftlichkeit geführt werden könnte.

Trotz des aktuellen BFH Urteils und der Aufhebung des Finanzgerichtsurteils durch den BFH kann es sein, dass das jeweilige Finanzamt eines privaten Anlegers eine andere Sicht der Dinge hat. Noch hat das BMF Schreiben vom 09.10.2012 in der Finanzverwaltung Gültigkeit. Notfalls muss man in diesen Fällen gegen den Steuerbescheid innerhalb der einmonatigen Einspruchsfrist schriftlich Einspruch einlegen und auf die Rechtsprechung des BFH konkret verweisen.

Handlungsempfehlung

Grundsätzlich sollte der private Anleger bei einem Ausfall oder Teilausfall einer Crowdinvesting-Forderung diesen steuerlich geltend machen. Das geht auch rückwirkend für die Steuerjahre, die noch nicht bestandskräftig sind bzw. für die noch eine Änderung möglich ist. Nur in dem Kalenderjahr, in dem endgültig feststeht, dass es zu einem (Teil-)Ausfall gekommen ist, kann dieser steuerlich geltend gemacht werden. In der Anlage KAP – Einkünfte aus Kapitalvermögen (Ihrer Einkommensteuererklärung) tragen Sie dazu in der Zeile 46 “Gewinn aus der Veräußerung oder Einlösung von Kapitalanlagen” Ihren Verlust bzw. Ausfall als Negativbetrag ein.

Interessant sind auch die Fälle, in denen es statt durch eine Insolvenz des Emittenten zu einem Vergleich mit dem Emittenten und somit zu einem womöglich teilweisen Forderungsverzicht kommt (ggf. auch über einen Besserungsschein). Inwieweit das aktuelle BFH Urteil auch für solche Teilausfälle gilt, hatte der BFH nicht zu entscheiden. Wir gehen jedoch davon aus, dass steuerliche Verlust auch in diesen Fällen nunmehr steuerlich anzuerkennen sind.

Sollte ein Anleger bereits vor dem oben zitierten BFH Urteil vom 24.10.2017 (Aktenzeichen VIII R 13/15) einen Ausfall bzw. Teilausfall erklärt und diesen vom Finanzamt nicht anerkannt bekommen und gegen den negativen Steuerbescheid Einspruch eingelegt haben oder noch einlegen, sollte man zur Ergänzung der Einspruchsbegründung das vorgenannte BFH Urteil explizit mit anführen.

Crowdinvesting Anleger, die in der Vergangenheit tatsächliche Ausfälle hatten und bisher keine Einkommensteuererklärung abgegeben oder den Ausfall bisher nicht in ihrer Steuererklärung angegeben haben, sollten die geänderte Rechtsprechung auch nutzen und nach Möglichkeit eine Steuererklärung abgeben bzw. bei noch nicht bestandskräftigen Steuerbescheiden eine Änderung des Steuerbescheids beantragen.

 

Hinweis: Grundsätzlich soll dieser Steuerleitfaden für jeden Anleger (Crowdinvestor) und für jeden Emittenten zur Orientierung dienen. Die Autoren haben weitestgehend vermieden, die sonst üblichen komplizierten steuerlichen Begriffe zu verwenden und diese nach Möglichkeit verständlich umschrieben. Bei den vorstehenden Erläuterungen handelt es sich nicht um eine Steuerberatung. Naturgemäß kann für die Inhalte des Beitrags keine rechtliche Gewähr gegeben werden.

 

Eigenen Kommentar schreiben

  1. Ulrike sagt:

    Das ist ja interessant. Allerdings nützt das wenig, wenn man von dem Unternehmen, in das man investiert hat nie wieder etwas hört, nur Insolvenzgerüchte. Auch die Plattformen sind hier scheinbar raus und es geht sie wohl auch nichts mehr an. Bei mir sind schon 2 Crowsfundings über Seedmatch und Econeers pleite gegangen. Ich habe keinerlei offizielle Info dazu bekommen.
    Wie soll ich den Ausfall steuerlich geltend machen, wenn ich darüber nicht informiert werden?

    • Ines Becker sagt:

      Liebe Ulrike,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Insolvenzgerüchte sind leider nicht ausschlaggebend für die steuerliche Anrechenbarkeit von Ausfällen.
      Sowohl bei Seedmatch als auch bei Econeers wird jeder betroffene Investor via E-Mail als auch im entsprechenden geschlossenen Bereich der Plattform darüber informiert, dass ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt wurde und was dieser Schritt für die Investoren als auch das entsprechende Unternehmen bedeutet. Selbes erfolgt dann zum Zeitpunkt, wenn über die Eröffnung des Verfahrens entschieden wurde und ggf. im Fall der Ablehnung mangels Masse oder wenn das Verfahren abgeschlossen wurde. Zwischen Antragstellung und Abschluss eines Verfahrens können leider Jahre vergehen – im Schnitt sind es zwischen 3 und 5 Jahre. Da im Falle einer Insolvenz der Insolvenzverwalter die Kommunikation für das Unternehmen übernimmt bzw. diese steuert, kommt es leider immer wieder zu einem zeitlichen Versatz. Nichtsdestotrotz: Sobald wir neue Erkenntnisse zum Verfahren haben, geben wir sie an die Investoren weiter. Für die Geltendmachung eines Ausfalls in der persönlichen Steuererklärung ist in jedem Fall, nach aktuellem Urteil des Bundesfinanzhofes, erst der Abschluss eines Insolvenzverfahrens abzuwarten. Erst zu diesem Zeitpunkt ist final geklärt, ob und in welcher Höhe ein Ausfall zustande gekommen ist. So lange das Verfahren noch läuft, könnte eine Resanierung oder der Verkauf wichtiger Assets als auch ggf. ein besseres Forderungsmanagement das Unternehmen wieder zurück in Wirtschaftlichkeit überführen und damit auch deine Kapitalanlage retten.

      Herzlichst,
      Ines Becker

  2. Jörn Eickholt sagt:

    Danke für diesen informativen Beitrag.
    Ich würde mich freuen, wenn seedmatch/econeers bei den Projekten, bei denen dieses Ereignis eingetreten ist, einen entsprechenden Hinweis zur steuerlichen Anrechenbarkeit liefert.

    • Ines Becker sagt:

      Lieber Jörn,

      sowohl bei Seedmatch als auch bei Econeers wird jeder betroffene Investor via E-Mail als auch im entsprechenden geschlossenen Bereich der Plattform darüber informiert, dass ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt wurde und was dieser Schritt für die Investoren als auch das entsprechende Unternehmen bedeutet. Selbes erfolgt dann zum Zeitpunkt, wenn über die Eröffnung des Verfahrens entschieden wurde und ggf. im Fall der Ablehnung mangels Masse oder wenn das Verfahren abgeschlossen wurde. Zwischen Antragstellung und Abschluss eines Verfahrens können leider Jahre vergehen – im Schnitt sind es zwischen 3 und 5 Jahre. Da im Falle einer Insolvenz der Insolvenzverwalter die Kommunikation für das Unternehmen übernimmt bzw. diese steuert, kommt es leider immer wieder zu einem zeitlichen Versatz. Nichtsdestotrotz: Sobald wir neue Erkenntnisse zum Verfahren haben, geben wir sie an die Investoren weiter.

      Herzlichst,
      Ines Becker