„Es gibt einen großen Markt, der bedient werden kann.”

taxbutler revolutioniert die Art und Weise, wie wir künftig die Steuererklärungen abgeben auf zweierlei Weise: Wir reichen sie überhaupt erstmals regelmäßig und pünktlich ein und wir machen es vollautomatisiert und digital. Doch was sagen eigentlich die Steuerberater dazu? Wir haben uns mit Dr. Rainer Schenk unterhalten, dem wohl online-affinsten Steuerberater. Was hält er von dem disruptiven Produkt und welche Zukunft sieht er für taxbutler und seinen Berufsstand? Wir fragten nach…

IMG_2417Seedmatch: Dr. Rainer Schenk, wären Sie bereit, dem Staat jedes Jahr 800 Euro zu schenken, damit er seine Haushaltskasse aufbessern kann?

Dr. Rainer Schenk: Der Steuerbürger sollte grundsätzlich dem Staat nichts schenken, erst recht keine Steuern. Deutschland ist hinsichtlich der Abgabelast aus Steuern und Sozialabgaben absolut Weltspitze. Fazit: Nein, auch ich würde dem Staat keine 800 Euro jährlich „schenken“.

Seedmatch: Dennoch tun es viele Menschen, schlicht weil sie ihre Steuererklärung nicht abgeben. Wie kommt das?

Dr. Rainer Schenk: Das komplizierte deutsche Steuersystem ermöglicht es zwar, dass der Steuerbürger die „richtige Höhe“ der Steuer an den Fiskus entrichtet. Es bedarf aber einer Steuererklärung, um an sein Recht auf gerechte und richtige Besteuerung zu kommen. Meiner Meinung nach kalkuliert der Staat genau diese von Ihnen angesprochenen Geld-Geschenke der Steuerbürger als festen Bestandteil der Staatseinnahmen ein. Wie kann das sein? Das komplexe Steuerrecht und eine damit einhergehende Überbürokratisierung der Prozesse stellen für die Bezieher kleinerer Einkommen, die Merkmale für eine Steuererstattung aufweisen, ein Handicap dar, mit der Folge, dass viele dieser Personen auf die Erstellung einer Steuererklärung verzichten, letztendlich auch vor dem Hintergrund, ggf. einen Steuerberater oder einen Lohnsteuerhilfeverein hinzuziehen zu müssen. Beides kostet Geld und schmälert per Saldo eine mögliche Steuererstattung erheblich. Zudem ist das sich ergebende Steuererklärungs-Procedere für viele schlichtweg zu aufwändig und lästig. Zwar gibt es mittlerweile zahlreiche „Do It Yourself“ Steuererklärungssoftware-Lösungen, die zwar günstiger sind als der Steuerberater oder der Lohnsteuerhilfeverein, aber in der Anwendung immer noch zu kompliziert sind. Im Ergebnis werden somit sehr viele Steuererklärungen mit „Steuererstattungspotenzial“ nicht gemacht und die mögliche Steuererstattung streicht sich dann der Staat als „Geschenk des Steuerbürgers“ ein. Mit taxbutler kann dieses Potenzial zu Gunsten der Steuerbürger gehoben werden. taxbutler ist sozusagen der „digitale Bierdeckel“ für die Steuererklärung.

Seedmatch: Sie sind einer der online-affinsten Steuerberater, der mir begegnet ist. Auch im Live-Chat bekomme ich bei Ihnen Beratung zu einer Vielzahl von Themen. Mir scheint das eher unüblich. Täuscht mein Eindruck, oder hat der restliche Teil der Branche die Digitalisierung verpasst?

Dr. Rainer Schenk: Ich stehe generell für smarte und skalierbare Lösungen, auch in der Beratung von Mandanten. Steuerberatung wird in einem zunehmend digitalen Umfeld von mir neu definiert. Smarte Beratung von Kunden bzw. Mandanten mit Hilfe von Online-Systemen ist eine Entwicklung, die, wie so vieles, aus den USA kommt. Dort erfährt die Online-Beratung durch Experten im Bereich Steuer und Recht (auch mit dem Begriff „Legaltech“ belegt) eine dynamische Entwicklung, auch weil solche Konzepte eindeutig skalierbar sind. Digitalisierung ist ein abstrakter Prozess, der in der Umsetzung nicht nur den Einsatz von IT umfasst, sondern eine komplette Neuausrichtung des Beratungsportfolios einer typischen deutschen Steuerkanzlei erfordert. Der Bedarf und Nutzen für digitale Beratung ist definitiv vorhanden und riesig.

Wie beurteile ich daher meinen Berufsstand?

Die Steuerberaterbranche steht wohl vor dem tiefgreifensten Wandel seitdem es Steuerberater gibt.
Steuerkanzleien der Zukunft müssen mehr denn je nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden. Wie lange noch der Schutz der Steuerberater-Branche durch das Steuerberatergesetz hält, weiß ich nicht. Die Halbwertszeit wird aber kürzer und kürzer. Liberalisierung der Zugangsbeschränkungen und Business Intelligence Lösungen werden mittelfristig unsere Branche signifikant beeinflussen. Ohne Bereitschaft zur nachhaltigen Veränderung besteht für viele Steuerkanzleien die Gefahr des Marktaustritts.

Der typische Steuerberater beschäftigt sich generell mit der Verarbeitung von Daten des Mandanten. Hier liegt nun der Kern. Mehr als 50 Prozent der Tätigkeiten in einer Steuerkanzlei umfasst die manuelle Verarbeitung von Daten (Belege, Dokumente, Kontoauszüge etc.) durch Mitarbeiter. Zukünftig können diese Tätigkeiten Roboter und Algorithmen für die typischen Mandanten der Steuerberater, nämlich Unternehmen, übernehmen. Das hätte natürlich für den Steuerberater, der sich nicht rechtzeitig anpasst, erhebliche Umsatzeinbußen zur Folge, einhergehend mit dem Verlust von Arbeitsplätzen in Steuerkanzleien. Diese „Disruption“ in der Steuerberatung ist nicht mehr aufzuhalten.

Seedmatch: In Ihren Social-Media Präsenzen, bspw. auf Twitter und Facebook äußern Sie sich sehr positiv über unser aktuelles Funding taxbutler. Kannten Sie taxbutler schon vorher?

Dr. Rainer Schenk: Auf taxbutler bin ich über die sozialen Netzwerke aufmerksam geworden. Ich selbst entwickle als Steuerberater, was für einen Steuerberater an sich völlig untypisch ist, zusammen mit einem Experten-Team skalierbare Softwarelösungen für Steuerberater (TTS TAX TIME SOLUTION), aber auch für Startups und kleine Unternehmen (easyPlan). Von daher ist meine Affinität gegenüber skalierbaren Online-Lösungen im Bereich Steuern und Beratung generell hoch. Darüber hinaus beschäftige ich mich seit 2011 mit dem Thema Corporate Finance mittels Crowdfunding und beobachte in diesem Zusammenhang die wichtigsten Crowdfunding Plattformen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Dazu gehört auch Seedmatch. Da ich das Geschäftsmodell von taxbutler bzw. von Herrn Raisch als typisches B2C-Produkt sehr innovativ finde, ist es für mich auch klar, dies in den einschlägigen Online-Kanälen zu kommentieren. Natürlich kann das in anderen Fällen durchaus auch zu negativer Kritik führen. Die Crowdfunding-Kampagne von taxbutler erscheint mir sehr professionell vorbereitet und umgesetzt.

Seedmatch: Was begeistert Sie daran?

Dr. Rainer Schenk: taxbutler ist ein skalierbares und smartes B2C-Produkt, das eine sehr große Zielgruppe an potentiellen Kunden anspricht und es für den „Steuerbürger“ genial einfach macht. Kurzum: Die Skalierbarkeit und Einfachheit begeistern mich. Solch ein Produkt gab es bisher auf dem deutschen Markt nicht.

Seedmatch: Haben Sie keine Angst, das taxbutler Ihnen Ihre Kunden stiehlt?

Dr. Rainer Schenk: Sehr viele potenzielle Kunden für taxbutler haben heute keinen Steuerberater und zwar aufgrund des schlechten Kosten-Nutzen Verhältnisses. Insofern hat die Steuerberaterbranche hier auf den ersten Blick keine negativen Folgen zu befürchten. Dann gibt es aber auch Steuerbürger bzw. Privatpersonen, die in den höheren Einkommensklassen zu finden sind und heute noch einen Steuerberater für die Erstellung der Steuererklärung beauftragen. Diese Klientel könnte durchaus vom Steuerberater hin zu taxbutler abwandern. Das wird zwar zu Umsatzeinbußen führen, jedoch nicht in bedrohlicher Höhe, weil typischerweise eher Unternehmen die Mandantschaft eines Steuerberaters ausmachen. Wo ich erhebliches Abwanderungspotential sehe, sind die jetzigen Kunden der Lohnsteuerhilfevereine. Zum einen ist taxbutler generell günstiger als die Leistungen eines typischen Lohnsteuerhilfevereins. Zum anderen ist der Weg über das Smartphone mit einer App unschlagbar bequemer als der Weg zum Lohnsteuerhilfeverein, aber auch zum Steuerberater.

Seedmatch: Wie tragfähig scheint Ihnen das Geschäftsmodell einer fotobasierten, vollautomatisierten Steuererklärung für Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher?

Dr. Rainer Schenk: taxbutler hat den Proof of Concept geschafft und bereits Hunderte von Kunden gewonnen. Sehr viele positive Rezensionen begleiten das Produkt. Insofern setze ich eine einwandfreie und dauerhaft stabile IT Struktur und einen zuverlässigen Workflow voraus. Das Konzept erscheint mir aus heutiger Sicht tragfähig, sofern der Businessplan nachhaltig umgesetzt werden kann. taxbutler hat heute ein Alleinstellungsmerkmal, passt in die Zeit und zur Digitalisierung – bedeutet generell auch die Vereinfachung von repetierbaren Prozessen, mit dem Ziel, für den User bzw. Kunden einen echten Mehrwert zu schaffen. Diesen Mehrwert gibt es zweifelsfrei mit taxbutler. Und es gibt einen großen Markt, der bedient werden kann. Der Macher von taxbutler verfügt meines Erachtens auch über das erforderliche Maß an Professionalität als Unternehmer. Zudem hat Herr Raisch Ahnung von IT und Programmierung, ist also nicht sehr von externen IT Experten abhängig. taxbutler sollte nun als First Mover schnell Fahrt aufnehmen und die Skalierbarkeit zur Gewinnung von Marktanteilen zu nutzen, bevor typische Nachahmer den Markteintritt wagen. Als Nachahmer könnten auch die typischen Dienstleister für Steuerberater, also die DATEV und Co., in Frage kommen, wobei deren Reaktionsgeschwindigkeit auf Marktveränderungen in den genossenschaftlichen Strukturen nicht unbedingt als hoch zu bezeichnen ist. Mittlerweile kooperiert die DATEV ja schon mangels eigener Lösungen mit Fintech Unternehmen. taxbutler bzw. das dahinterstehende Unternehmen pareton GmbH ist für mich ein typisches Fintech Unternehmen.

Seedmatch: Nun beraten Steuerberater nicht nur, sondern erstellen für Ihre Kunden auch die Steuererklärung. Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Zunft in der Belegerfassung sowie steuerrechtlichen Zuordnung sich künftig Technologien wie taxbutler bedienen werden?

Dr. Rainer Schenk: Nicht wenige Steuerberater reduzieren Digitalisierung auf den bloßen Einsatz von Scannern bei der Erfassung von Papierbelegen und den Einsatz von digitalen Kontoauszügen der Mandanten. Einige arbeiten bereits papierlos unter Einsatz von DMS Lösungen (Dokumenten Management System). Nur so weit zu denken, reicht aber nicht aus. Ich gehe davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird und intelligente Software-Lösungen auf den Markt drängen, die genau dort ansetzen, wo die Belege ihren Ursprung haben, nämlich beim Mandanten (Unternehmen). Erste Anbieter sind bereits vorhanden. Für den Steuerberater hätte dies zur Folge, dass die oben beschriebenen Standardprozesse des Steuerberaters, die trotz Technik noch stark manuell geprägt sind, weitestgehend automatisiert von Software-Lösungen erledigt werden und das mit weitaus geringeren Kosten als beim Steuerberater. taxbutler hat derzeit als Zielgruppe Privatpersonen. Zukünftige Systeme werden aber den Unternehmer ansprechen und in Konkurrenz zum Steuerberater treten. Da Standardaufgaben, die der Steuerberater für seine Mandanten erledigt (Deklarationsberatung), keine oder kaum Beratung indizieren oder kognitive Fähigkeiten des Steuerberaters erfordern, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, diese Standardaufgaben zukünftig von „Robotern“ bzw. „intelligenten“ Algorithmen erledigen zu lassen. Wenn Steuerberater dies allerdings erkennen und die Chancen der Digitalisierung für die eigene Kanzlei nutzen, die Kanzlei tiefgreifend neu ausrichten und neben innovativer Technik echte Beratung und weniger manuelle Datenverarbeitung am Markt anbieten, kann sich diese Branche durchaus am Markt weiter behaupten. Ich befürchte jedoch, dass die Mehrheit der Steuerberater sich dessen heute noch nicht bewusst ist.

Seedmatch: Wo sehen Sie taxbutler in zwei, drei Jahren?

Dr. Rainer Schenk: Aufgrund der durchweg positiven Merkmale des Produkts taxbutler (Proof of Concept, Alleinstellungsmerkmal, First Mover, Skalierbarkeit und den Automatisierungsgrad) und einem vorhandenen Bedarf nach einer solchen smarten Lösung, sollte sich unter Nutzung definierter Marketing-Kanäle, sehr schnell eine hohe Skalierbarkeit einstellen. So wie es auch auf dem Markt der Crowdfunding-Plattformen der Fall war und ist, werden Nachahmer eintreten. Das Marktvolumen ist aber so groß, dass es nicht zu Kannibalisierungseffekten kommen sollte. taxbutler könnte sich dahingehend diversifizieren, dass durch das Angebot einer Online-Steuerberatung generell für Kunden die Option besteht, sich bei Bedarf auch tatsächlich von einem Steuerberater online beraten zu lassen. Auch diese Beratung ist im Vergleich zum Klassiker-Steuerberater bequemer und günstiger, als der mühsame offline Gang zum „Offline“-Steuerberater.

Seedmatch: Haben Sie vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen alles Gute!

Eigenen Kommentar schreiben

  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich studiere momentan Jura und mein Wunsch ist es, Steuerberaterin zu werden, wie meine Mutter. Ich habe den Wandel der Steuerberater mitbekommen und denke, dass dieser Beruf nie leer gehen wird.