„Hier in Berlin wird alles besser“

Nur noch wenige Tage bis zum Startup Camp Berlin. Am 7./8. April startet das größte Event der Startup-Szene: mit Vorträgen, Diskussionen, Messen, Pitches und vielem mehr. Wir durften exklusive Tickets verlosen. Für alle, die daran nicht teilnehmen können, haben wir einen zweiten Top-Speaker und Urgestein der Branche interviewt. Jörg Rheinboldt machte sich einen Namen als Gründer von Denkwerk, alando, betterplace.org und führte einige Jahre die Geschäfte von eBay. Nun gibt er seine Erfahrungen an ambitionierte Startups im Springer Accelerator Plug and Play weiter. Wie man zu so einer Biographie kommt und welches Insiderwissen er seinen Schützlingen weiter gibt. Wir haben nachgefragt.

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Seedmatch: Hallo Herr Rheinboldt. Vielen Dank für Ihre Zeit. Seit 2013 coachen Sie junge Startups im Springer Plug and Play Accelerator. Ein wenig wirkt es, als würden Sie dort als Gruppenleiter ein Freizeitcamp organisieren. Fühlen Sie sich manchmal auch so?

Jörg Rheinboldt: Die meiste Zeit ist es so, dass meine und unsere Zeit extrem multidimensional ist: an einem Tag beschäftigt man sich zuerst mit einer technischen Herausforderung eines Teams, bespricht dann eine Markenstrategie und mehrere Geschäftsmodelle und verhandelt eine Finanzierungsrunde mit einem internationalen VC. Wenn man sich mit Frühphasenstartups beschäftigen möchte, geht es glaube ich kaum besser.

Seedmatch: Doch der Eindruck täuscht: Für Ihre Aufgabe als Managing Director bringen Sie die besten Voraussetzungen mit. Bereits seit 20 Jahren sichern Sie sich als Gründer von Denkwerk, alando oder betterplace.org einen festen Platz in der Startup-Szene. Nun bieten Sie in dem Axel Springer Accelerator Programm eine Art Bootcamp für Startups an und schaffen aber gleichzeitig einen kreativen und offenen Raum für gemeinsames Arbeiten und Netzwerken. Wie kann ich mir das vorstellen?

Jörg Rheinboldt: Zwischendurch war ich auch noch 5 Jahre Geschäftsführer bei ebay. Wir bieten den Startups eine Plattform, auf der sie schneller erfolgreich sein können, als ohne uns. Wir geben ihnen €25.000 Investment und 100 intensive Tage mit uns. In dieser Zeit versuchen wir den Startups möglichst viele Abkürzungen zu bieten. Dazu zählen Workshops, Investorenkontakte, Mentoring, unser Experten-Netzwerk, Kontakte zu unseren Gesellschaftern Plug and Play und Axel Springer und zu den mehreren hundert Firmen, die zu Axel Springer gehören. Auch unsere Firmenpartner Deutsche Bank und ERGO öffnen ihre Netzwerke für unsere Gründer. So können wir allen Firmen, in die wir investieren, sinnvolle Angebote machen und ihnen dabei helfen, schneller erfolgreich zu sein.

Seedmatch: In welcher Reife kommt ein Startup in das Programm und mit welcher Reife wird es nach den drei Monaten wieder in die Welt entlassen?

Jörg Rheinboldt: Die meisten Teams kommen zu uns und haben entweder schon ein MVP (minimal viable product) gestartet, oder sie launchen innerhalb der ersten Wochen der hundert Tage. Wir können gut dabei helfen, Traction zu entwickeln. Und die erste Traction, die man immer haben sollte, ist Nutzer-Traction. Und die bekommt man nur mit einem Produkt. Gegen Ende des Programms verlagert sich unser Fokus darauf, den Gründern bei einer Folgefinanzierung zu helfen. Das gelingt uns bei mehr als der Hälfte der Firmen und darauf sind wir stolz.

Seedmatch: Zudem sind im Accelerator auch Demo-Days mit hunderten Investoren vorgesehen. Aus Ihrer Erfahrung heraus, was braucht es für ein perfektes Match für beide Seiten?

Jörg Rheinboldt: Um eine Investition von einem Venture Capital Investor zu bekommen, braucht man ein skalierbares Geschäftsmodell, das wirklich groß werden kann. Außerdem sollte man als Team überzeugen und glaubhaft vertreten können, dass man diese Firma aufbauen kann. Wenn dann das Timing noch stimmt, dann klappt die erste Finanzierung meistens.

Seedmatch: Gibt es immer wieder die gleichen Kriterien? Oder ist das Startup einfach froh, überhaupt einen Geldgeber zu finden und die großen Investoren in Shoppinglaune?

Jörg Rheinboldt: Die Kriterien sind immer ähnlich. Allerdings ist es auch immer wichtig, darauf zu achten, dass Investor und Startup längerfristig zusammenpassen und dass man eine gemeinsame Vorstellung von Erfolg hat.

Seedmatch: Einer der Programm-Slogans lautet „From Berlin to Silicon Valley“. Haben Sie eine kritische Haltung gegenüber der Abwanderung oder des Ausverkaufs von Innovationen und Know-how in die USA? Oder ist das mittlerweile normaler Alltag oder ein natürlicher Trend der Globalisierung?

Jörg Rheinboldt: Ich glaube, dass es verschiedene Gründe gibt, weshalb es für Startups gut sein kann, in die USA zu gehen. Früher gab es schlicht das Problem, dass es hier in Deutschland und Europa keine (oder kaum) weitere VC Investoren für spätere Unternehmensphasen gab. Als wir alando aufgebaut haben, war es viel einfacher an ebay zu verkaufen als noch weitere Finanzierungsrunden zu organisieren. Außerdem gibt es in den USA viel etabliertere Finanzierungs- und Exitpfade. Aber das wird hier in Berlin alles besser, und ich glaube, dass es jetzt schon möglich ist, globale Firmen zu bauen, die aus Europa kommen, und die Investoren aus der ganzen Welt haben.

Seedmatch: Trotz der beeindruckenden Biografie machen Sie einen herrlich unaufgeregten Eindruck. Passt es mit meinem Eindruck zusammen, dass auch Sie eher zufällig und ohne große Planung Ihre Laufbahn eingeschlagen haben? Auch Ihren Startups geben Sie mit, dass sie sich einfach trauen sollen, ohne lange im Voraus zu planen. Was für Insidertipps haben Sie noch?

Jörg Rheinboldt: Danke. Naja, die wichtigen beiden Fragen kann und konnte ich schon immer beantworten: Wie sieht Erfolg aus? und Wie komme ich dort hin? Wichtig ist es dabei über die Zeiträume und die Dimensionen Klarheit zu haben. Kurzfristig sollte man die Antworten schon im Griff haben und langfristig oder persönlich hat man vielleicht noch ein paar mehr Dimensionen über die man nachdenkt, als einzig den unternehmerischen Erfolg.

Seedmatch: Sie sind mit von der Partie beim Startup Camp in Berlin im April. Doch anstatt vor großem Publikum eine Podiumsdiskussion anzuleiten, ziehen Sie sich in einen Raum zurück und sprechen mit jedem, der sich an Ihren Tisch setzt – keine Anmeldung nötig. Wie kam es dazu?

Jörg Rheinboldt: Ich halte zwar auch eine kurze Keynote, aber die 1on1 Treffen sind meistens die besten Gelegenheiten, gute Gründerinnen und Gründer kennenzulernen.

Seedmatch: Dürfte auch ich mich an Ihren Tisch setzen und Sie weiter mit meinen Fragen löchern, selbst wenn ich kein Mitglied eines Gründerteams bin?

Jörg Rheinboldt:Hauptsächlich möchte ich dort Gründerinnen und Gründer kennenlernen, in die wir investieren können. Aber wie immer: keine Regel ohne Ausnahme.

Seedmatch: In einem früheren Interview sagten Sie mal, es mache Sie glücklich, Erfolg mit anderen teilen zu können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Startups viele große und kleine gemeinsame Erfolge mit dem Springer Plug & Play. Vielen Dank.

Jörg Rheinboldt: Vielen Dank!

 

 

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  1. C. Thaus sagt:

    Danke für das sehr interessante Interview. Herr Rheinboldt ist eine spannende Persönlichkeit. Ich kann es jedem Gründer ans Herz legen, das Startup Camp in Berlin zu besuchen. Man erhält hier sehr viel Hilfe und neue Einblicke, die einem bei der Unternehmensgründung entscheidend weiterhelfen können.