Legal-Startups digitalisieren den Rechtsmarkt – und haben viel Potenzial

Die FinTech-Branche bestimmt derzeit die Berichterstattung in der Startup-Szene. Auch große Leitmedien finden Gefallen an den neuen Playern, die die verstaubte Banken- und Finanzwelt auf den Kopf stellen wollen. Die Potenziale und Bewertungen der vielversprechendsten FinTech-Startups auf dem Gebiet schnellen in die Höhe und große VCs und andere professionelle Investoren hoffen mit ihren Beteiligungen auf hohe Renditen in einem milliardenschweren Markt. Doch auch andere Märkte bieten interessante Entwicklungsmöglichkeiten: Der Rechtsmarkt beispielsweise hat allein in Deutschland ein geschätztes Volumen von 19 Milliarden Euro.

Glaubt man dem amerikanischen Online-Magazin VentureBeat, dann beläuft sich das weltweite Marktvolumen auf über 700 Milliarden Euro. Die Zahl der Legal- bzw. LegalTech-Startups, die sich auf dem Rechtsmarkt ansiedeln, wird immer größer. Allein die Entwicklung der US-Plattform AngelList macht das deutlich: „2009 waren 15 Legal-Startups bei AngelList gelistet. Mittlerweile sind es über 400 Startups“, schrieb VentureBeat 2014 – aktuell (Stand: 26. Juni 2015) sind knapp 880 Legal-Startups gelistet, wobei hier auch Unternehmen gezählt werden, die sich in der Beta-Phase befinden oder bereits gescheitert sind.

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Was LegalTech-Startups charakterisiert

So wie FinTech-Startups die Finanzwelt mit den Mitteln moderner Technologie verändern, setzen LegalTech-Startups in gleicher Weise an den Gegebenheiten des Rechtsmarkts an. Der Begriff „LegalTech“ an sich umfasst in erster Linie technologie-basierte Produkte und Service-Angebote, die Rechtsunternehmen und Kanzleien im Management, bei der Dokumenten- und Datenverwaltung, bei Abrechnungen, der Buchhaltung oder der eDiscovery unterstützen, definiert etwa The Law Insider.

LegalTech-Startups wird aufgrund des Marktvolumens und den vielen Ansatzmöglichkeiten für neue Services eine große Spielwiese geboten. Auch in Deutschland nimmt die Branche Fahrt auf – wenn auch sehr langsam. Das Startup edicted., das im Juni 2015 erfolgreich bei Seedmatch finanziert wurde, ist eines der wenigen Legal-Startups, die es in Deutschland bisher gibt. Die Branche „hat die Digitalisierung verschlafen“, so edicted.: Das Startup „ist der erste smarte Legal Outsourcing-Anbieter“ und will Anwälten unter die Arme greifen, die über die Plattform Rechercheaufträge an Studenten, Referendare oder andere Anwälte delegieren können – um so Zeit, Kosten und Papier zu sparen.

Digitalisierung geht nur schleppend voran

Die Digitalisierung im Allgemeinen ist ein viel diskutiertes Thema. Deutschland ist dabei nur Mittelmaß, auch wenn die digitale Kompetenz über dem Durchschnitt zu liegen scheint, wie eine europaweite Studie herausgefunden hat. Langsam durchdringt die Digitalisierung aber auch hochspezialisierte Branchen wie die Justiz: Auf Bundesebene wurde beschlossen, dass sich Anwälte ab 1. Januar 2016 sukzessiv mit einem eigenen elektronischen Postfach ausstatten und „Elektronische Akten“ führen sollen. „Spätestens ab 2022 müssen sie verpflichtend untereinander und mit den Gerichten darüber kommunizieren“, schreibt Legal Tribune Online. In Zukunft werden die stereotyp gewordenen Aktenberge in Kanzleien und Gerichten damit wohl passé sein – ein Fakt, der Startups wie edicted., die heute schon an am Modell einer papierlosen Rechtskommunikation arbeiten, in die Karten spielt.

Dass die Digitalisierung des Rechtsmarkts im Besonderen nur schleppend vorangeht, „liegt unter anderem auch daran, dass viele Rechtsanwälte einfach zu wenig unternehmerisch bzw. ökonomisch denken“, urteilt Rechtsanwalt Dr. Philipp Hammerich, Gesellschafter bei edicted. „In den letzten ein bis zwei Jahren ist jedoch zu merken, dass die Branche anfängt, umzudenken. Der rechtsanwaltliche Markt oder auch der juristische Markt im Allgemeinen stehen sicherlich erst am Anfang einer technischen Entwicklung. Diese ist jetzt – auch durch edicted. – angestoßen worden und meines Erachtens nicht mehr aufzuhalten“, so Hammerich, der außerdem prognostiziert: „Von dieser Entwicklung wird jegliches juristisches Arbeiten erfasst werden“.

„Die Idee von edicted. ist einfach und gerade deswegen genial“

Dr. Philipp Hammerich ist seit 2003 bundesweit als Dozent tätig und betreibt seit 2007 eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Hamburg, wobei die Schwerpunkte seiner anwaltlichen Tätigkeit in den Bereichen des Zivil-, Straf- und Prüfungsrechts liegen. Im Zuge seiner Lehrtätigkeit hat Hammerich die Gründer von edicted., Marco Klock und Philipp Harsleben, kennengelernt, die ihn ansprachen und um Unterstützung baten: „Die Idee von edicted ist einfach und gerade deswegen genial. Das war der eine Punkt, der mich sofort überzeugt hat. Der andere Punkt war das unglaubliche Potenzial, was die Idee und der damit verbundene Markt in sich birgt.“

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Für Hammerich waren das genug Gründe, sich finanziell als Gesellschafter und emotional und strategisch als Berater am Vorhaben von edicted. zu beteiligen. Dass edicted. ein Startup mit flacher Hierarchie und flexiblen Strukturen ist, sieht er als entscheidenden Vorteil: „Etablierten Marktteilnehmern fehlt häufig schon die Vision, gerade in dem juristischen Bereich. Edicted. hat diese Vision. Es ist ja kein Zufall, dass die angesprochene Digitalisierung im Rechtsmarkt vielfach verschlafen wurde. Der Markt an sich, aber auch edicted. stehen erst am Anfang einer technischen Entwicklung – auch wenn wir für das Zeitfenster schon unglaublich viel erreicht haben.“

Das Thema Outsourcing spielt spätestens seit den 2000er Jahren eine immer größere Bedeutung in diversen Branchen und Unternehmensbereichen. Auch auf dem Rechtsmarkt ist das Auslagern von Aufträgen längst Praxis – nur eben nicht digital. Das fiel auch Marco Klock und Philipp Harsleben während ihrer Assistenz-Tätigkeit für Bremer Kanzleien auf: Um Aufträge zu bearbeiten, war „eine direkte Präsenz in der Kanzlei nicht notwendig“, schreiben sie in der Investmentstory. Daraufhin produzierten die angehenden Juristen Flyer und warfen diese in Briefkästen verschiedener Bremer Kanzleien, „um zu testen, ob ihnen ein Rechtsanwalt einen Auftrag erteilt, ohne dass er sie je gesehen hat“. Und tatsächlich: Nur Tage später kamen die ersten Aufträge. Wenige Monate vergingen, ehe klar war, dass sie den Proof-of-Concept für ihr Legal Outsourcing-Angebot erbracht hatten.

„Mittelfristig wird sich kaum ein Rechtsanwalt dieser Entwicklung verschließen können“, sagt Philipp Hammerich und meint weiter: „Legal Outsourcing wird einer der ersten Bereiche sein, durch welchen sich die Branchenveränderung zeigen wird bzw. schon zeigt. Das sieht man auch an dem Erfolg von edicted. Ich rechne fest damit, dass sich bereits in ein bis zwei Jahren der diesbezügliche Anteil am Marktvolumen um das 10-fache steigern lässt.“

Legal-Startups „kommen aus der Generation der Digital Natives“

Um Bekanntheit zu erlangen, gibt es auch für Legal-Startups Pflichttermine auf Messen und Veranstaltungen. So lernte edicted. etwa jüngst auf dem Deutschen Anwaltstag 2015 in Hamburg Claudia Bonacker kennen. Die Rechtsanwältin berät Anwälte und Kanzleien in Sachen Business Development und kennt sich mit den Gepflogenheiten der Branche aus. Auf dem Anwaltstag hielt sie einen Vortrag zu Innovationen am Rechtsmarkt – u. a. am Beispiel von edicted.

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Dass die digitale Entwicklung und entsprechende Innovationen die Arbeitsweise von Kanzleien nachhaltig verändert, steht auch für Bonacker außer Frage. Unternehmerisch zu denken, wird für Anwälte zukünftig unabdingbar sein: „Wenn sie es nicht tun, wird ihnen sicherlich ein Teil des anwaltlichen Geschäfts entgehen und auch unternehmerisch denkender Nachwuchs – sprich ihr juristisches Personal – abhandenkommen.“

Junge Unternehmer, die mit ihren Ideen den starren Rechtsmarkt mit technologie-basierten Neuerungen aufbrechen wollen, haben laut Bonacker einen entscheidenden Vorteil: „Sie kommen aus der Generation der Digital Natives – für sie ist die Digitalisierung kein Fremdwort, sondern Selbstverständlichkeit und sie haben häufig einen interdisziplinären Ansatz in ihrer Vita. Manche sind neben ihrem Juristendasein auch Entwickler oder haben anderweitige Qualifikationen, die sie zu perfekten Vertrieblern macht.“

Im Konzept des Legal Outsourcing, wie edicted. es ermöglicht, sieht Bonacker Potenzial für Kanzleien. „Wenn eine Kanzlei klug agiert, schaut sie sich genau an, welche juristische Arbeiten sie innerhalb eines Mandats besser nicht selbst erledigt, sondern an Dritte abgibt – letztendlich im eigenen Interesse, um ihre Mandanten nicht zu verprellen“, konstatiert sie. Aber dass die Digitalisierung auch Grenzen hat, liegt in der Natur der Sache, so gibt die Beraterin zu verstehen: „Business Development in seinem Kernbegriff, verstanden als strategische Weiterentwicklung des Mandantenstammes, wird in gewisser Weise immer analog bleiben, da es immer um Menschen geht. Die Digitalisierung und schlaue Tools helfen nur bei der Handhabung und Umsetzung der Mandate.“

Wie das aussieht, verdeutlicht Bonacker am Beispiel der Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant: „War früher der E-Mail-Verkehr mit Mandanten die Ausnahme, ist er heute Standard. Es wird immer mehr um eine neue, digitale Formen der Zusammenarbeit mit Mandanten und anderen Anwälten gehen, zum Beispiel mit geschützten Datenräumen entweder auf der Basis eigener IT-Lösungen oder aber outgesourcten webbasierten Lösungen wie edicted. und anderen.“

„Legal Tech Startups Have A Short History And A Bright Future“

Wie sich der Markt für Legal-Startups weltweit und in speziell in Deutschland entwickeln wird, kann man nur vermuten. Warum die Entwicklung bisher so verhalten lief, fasst Basha Rubin in einem Beitrag für TechCrunch so zusammen: „Legal has been a tough nut to crack because there is significant non-uniform regulation and risk-averse, disaggregated stakeholders. These factors have slowed disruption. But change is nigh: consumers are demanding more efficient, transparent and affordable legal services, and lawyers are looking for cutting-edge ways to compete in an oversaturated market.“

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Der letztgenannte Aspekt trifft besonders auf Deutschland zu: Nach offiziellen Angaben dürfen hierzulande derzeit ca. 165.000 Rechtsanwälte ihrem Beruf nachgehen. Um im Konkurrenzkampf mit den Großkanzleien zu bestehen, können kleine bis mittelgroße Kanzleien auf die Innovationen der Legal-Startups setzen, die die verschlafene Digitalisierung der Rechtsbranche nachholen wollen. Im Gespräch mit Seedmatch gab edicted.-Mitgründer Marco Klock an, dass „Legal Outsourcing im Zuge der Umstrukturierung der Branche zum Standardbaustein anwaltlicher Arbeit wird.“

Dass dem so sein könnte, lässt auch die geplante Kooperation des jungen Startups mit einem etablierten Unternehmen am Markt vermuten. Das zum international im Bereich Recht und Steuern tätigen niederländischen Verlags Wolters Kluwer gehörige Online-Portal anwalt24.de wird im Zuge seines Relaunches im September 2015 das Angebot von edicted. über eine Schnittstelle implementieren – und dem Legal-Startup somit Zugang zu mehreren 10.000 potenziellen Nutzern bieten. Für die Zukunft planen Wolters Kluwer und edicted. weitere Kooperationen, heißt es in der Investmentstory bei Seedmatch. Ähnlich wie Banken mit FinTech-Startups zusammenarbeiten, ergänzen sich also auch auf dem Rechtsmarkt neue und etablierte Unternehmen.

Noch ist der Markt hierzulande verhalten, während es im Ausland bereits ähnliche, etablierte Konzepte wie das von edicted. gibt; aber allein die Entwicklung des jungen Startups aus Bremen zeigt, dass aufgrund des Marktvolumens „das Potenzial von innovativen Lösungen am Rechtsmarkt enorm ist und das für viele neue Anbieter eine große Chance sein wird.“ Den „Vorsprung in Sachen Technologie, Kunden und Netzwerk“, den edicted. mittlerweile aufweist, „ist in einer so eng verzweigten Branche viel wert“, so Klock.

Den neuen Playern, die eine „digitale Revolution am Rechtsmarkt“ herauf-beschwören, verspricht Basha Rubin jedenfalls eine spannende Zukunft: „Legal Tech Startups Have A Short History And A Bright Future“.

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Update, November 2016:

rightmart Logo

Aktuell befindet sich rightmart im Crowdfunding bei Seedmatch. Das Legal-Startup will mit seinem Online-Service „Rechtsberatung für jedermann zugänglich machen“. Wie genau das geschehen soll, erfahren Sie in der Investment-Story:

 


 

Warnhinweis: Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen.

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  1. Matthias sagt:

    Welchen Herausforderungen sich edicted möglicherweise stellen muss, sollte man im Silicon Valley herausfinden können. Vor ca. 7 Jahren habe ich dort Gründer getroffen, die eine ähnliche Idee wie edicted umgesetzt haben – sie haben allerdings auf Anwälte gesetzt, die als Expats in Israel lebten und die Dienstleistungen daher um 75% günstiger anbieten konnten als ortsansässige Kanzleien in San Francisco. Dennoch: wenn diese „Online-Kanzlei“ noch existiert (mir fällt der Name nicht ein), sollten sich die Gründer vielleicht mal unterhalten.

  2. J. Vollkommer sagt:

    Schöner Bericht zu Legal Tech, nur: edicted hat mit LegalTech soviel zu tun wie Mobile.de mit dem Bereich Automotive. Klar, die Seite vermittelt Studenten an Kanzleien mit Hilfe technologischer Lösungen und gehört schon irgendwie zum weiteren Umfeld des Legal Tech- aber wenn von Probleme, Herausforderungen und Chancen von Legal Tech gesprochen wird meint man eigentlich andere player und projekte. Anwendungen die technologisch anwaltliche Arbeit unterstützen (z.B. ravellaw oder in D beckonline, busylamp, usw) oder sogar durchführen (z.B. smartlaw, janolaw, lexalgo, leverton). Hier sind die großen Schätze zu heben und nur hier gibt es wirklich viel zu tun. Anbieter wie edicted haben mit den genannten 19Mrd. umsatz der Rechtsbranche nichts zu tun – sondern mit den 2Mrd. Umsatz der Personalbranche.

    • Marco Klock sagt:

      Hallo Herr Vollkommer,

      ich möchte als GF von edicted. kurz Stellung zu Ihrem Kommentar nehmen. Prinzipiell teile ich weitestgehend Ihre Einschätzung bzgl. des Marktes. Die Schwerpunkte und der Grad des Einsatzes von Technologien ist natürlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich groß.

      Dennoch möchte ich folgendes richtig stellen: Die Technologie bei edicted. wird bis Ende des Jahres im Umfang weit über den meisten ihrer genannten Beispiele stehen. Bei uns werden automatisch Profile jeglicher Juristen (ob 30 Jahre Berufserfahrung oder Student) so ausführlich eingestuft, dass jeder Auftrag am Ende beim richtigen Experten gelangt. Wir vermitteln übrigens lange schon nicht mehr nur Studenten, sondern auch Rechtsreferendare und Rechtsanwälte.

      Unsere Technologie sieht vor, dass das System komplett autark agiert und den Netzwerkeffekt so sehr vergrößert, dass der Nutzen für jeden Rechtsanwalt gegeben ist.

      Zusätzlich würde ich gerne noch darauf verweisen, dass der Schwerpunkt der Wertschöpfung sich in den nächsten Jahren, analog zu anderen Branchen, von Produzenten auf Vermittler verlagern wird. Falls Interesse besteht, kann ich dazu gerne ein paar Bücher empfehlen, die genau dieses Thema der Digitalisierung aufgreifen. Da kann der Schwerpunkt der Technologie noch so hoch sein.

      Projekte wie z. B. ravellaw sind natürlich hinsichtlich des technologischen Ansatzes wesentlich wesentlich breiter aufgestellt, aber bedenken Sie, dass wir erst 12 Monate am Markt sind.

      Beste Grüße
      Marco Klock