„Wir werden keinen Exit an Microsoft oder Google machen“ – Ali Jelveh über sich und Protonet

Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile: Protonet startet eine zweite Crowdfunding-Kampagne bei Seedmatch! Grund also, sich mit dem Hamburger Startup noch genauer auseinanderzusetzen. Und wie geht das besser, als die Informationen direkt von den Beteiligten zu bekommen? Im Seedblog startet deshalb eine neue Beitragsreihe, die das Team, die Geschichte und die Vision des jungen Unternehmens vorstellt. Den Anfang macht Ali Jelveh, Mitgründer und Geschäftsführer von Protonet:

Seedmatch: Hi Ali, wer bist du und was machst du bei Protonet?

Ali-Jelveh_ProtonetAli Jelveh: Ich bin Mitgründer und Geschäftsführer bei Protonet, auch genannt „Chief Revolutionary Officer“.

 

Seedmatch: Wie bist du auf die Geschäftsidee gekommen und wann kam es zum Entschluss, tatsächlich ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen?

Ali Jelveh: Die Ideen um grundsätzliche Unabhängigkeit und insbesondere die des Internets haben mich schon sehr lange bewegt. Ich habe immer mal wieder über mögliche Lösungen für solche Probleme nachgedacht, habe aber immer das Gefühl gehabt das, dass die Probleme zu groß sind, dass man sie vielleicht gar nicht wirklich lösen kann.
Als ich bei der XING AG einer der frühen Entwickler wurde, hatte ich das Glück mit vielen exzellenten Entwicklern zusammenzuarbeiten. Die „can do“-Einstellung, die diese Kollegen an den Tag legten, schwappte dann irgendwann über. Plötzlich war mir klar, dass die Möglichkeit, Menschen ihre Datenhoheit zurückzugeben realisierbar ist. Als der Groschen fiel (es war spät Abends), habe ich mich an den Rechner gesetzt und ein kleines Ideenblatt geschrieben. Das Ergebnis dieses Brainstormings ging per Mail an alle damaligen Kollegen – zusammen mit der Frage, ob jemand Lust hat mitzumachen.

 

Seedmatch: Was hast du vor Protonet gemacht?

Ali Jelveh: Ich habe Physik studiert, nicht abgeschlossen und kurz darauf angefangen, für Geld zu programmieren. Anfangs einfache Rechnungstools, später ordentliche ERP-Systeme, bis ich dann letztendlich in die Web-Entwicklung gewechselt bin. Irgendwann wurde ich für ein Telekom-Projekt von XING abgeworben. In der Zeit entstanden in den Abendstunden die ersten Protonet-Ideen und Prototypen.

 

Seedmatch: Wenn du heute zurückblickst: Was hättest du im Zuge der Protonet-Gründung anders gemacht?

Ali Jelveh: Eine schwierige Frage. Ich bin mit einem wirklich großen Optimismus an die Sache rangegangen, was Komplexität und Arbeitsumfang anbelangt. Es hat natürlich alles sehr viel länger gedauert, als gehofft. Und als „Produktmenschen“ haben Christopher Blum, David Burkhardt und ich die Bereiche Marketing und Sales in der frühen Entwicklungsphase als nebensächlich erachtet.
Wir dachten: Wir bauen einfach was Cooles – die Kunden kommen schon. Heute wissen wir zum Glück, wie es tatsächlich aussieht. Ich glaube aber, dass alle Fehleinschätzungen, Umwege und Ehrenrunden uns letztlich dahin gebracht haben, wo wir heute sind – das würde ich ungern ändern. All das, was wir in diesen spannenden ersten Jahren gelernt haben, fließt heute in jede unserer Entscheidungen ein.

 

Seedmatch: Wie muss man sich den Tag als Chief Revolutionary Officer vorstellen?

Ali Jelveh: Spannend! Wir sind mittlerweile ein Team von 23 motivierten Köpfen, die an verschiedensten Themen arbeiten. Von Hardware und Software, über Support bis hin zum Marketing entsteht tagtäglich eine Vielzahl neuen In- und Outputs. Nach kurzen morgentlichen Statusmeetings verbringe ich meine Vormittage meist mit Themen unserer Softwarearchitektur. Dabei arbeite ich mit Thies Arntzen, zusammen, der über 25 Jahre Erfahrung und ein ungaublich fundiertes Wissen mitbringt. Gemeinsam konzipieren wir Softwarekomponenten und übergeben diese mit kleinen Prototypen an unsere Kollegen im Engineering.
Es gibt natürlich eine große Reihe anderer Aufgaben, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen: In Phasen wie dieser, wo wir ein neues Produkt auf den Markt bringen, müssen viele wichtige Entscheidungen getroffen werden: Was wird das für ein Produkt? Welche Fragen soll es beantworten? Was sind die möglichen Preispunkte? Die Fertigungsmethoden und natürlich das Design (vielleicht die schwierigste Frage, da sie auch alle anderen Bereiche beeinflusst). Hier arbeite ich eng mit David Burkhardt, unserem Produktdesigner, zusammen, der bei uns für das industrielle Design verantwortlich ist. Oft hat er sich bereits tiefgreifende Gedanken zu all diesen Punkten gemacht und es entsteht dann über einen Zeitraum von vielen Monaten ein Portfolio von möglichen Produkten, Designs, Fertigungsmethodiken und Preispunkten über die wir sprechen. Sobald die Basics klar sind, gehen die Infos an das Team und wir sprechen über die verschiedenen Optionen, geben jedem die Möglichkeit wichtiges Feedback einzubringen und beobachten, wie sie auf Design, Funktion und Preis der Hardware reagieren. Wir sind ja schließlich unsere ersten eigenen Kunden.

Protonet_Box - Color

Der neue Personal Server „MAYA“

 

Seedmatch: Und bei der Software?

Ali Jelveh: Dasselbe gilt für unsere Software, wir liefern in regelmäßigen Abständen Softwareupdates und sprechen diese zunächst in kleiner Runde durch. Sobald etwas als Prototyp funktioniert, wird das auf unserer eigenen Box installiert und vom ganzen Team getestet und manchmal eben auch wieder verworfen. Dafür hat Christopher Blum, mein Mitgründer und Produktchef bei Protonet, den Hut auf. Da wir aktuell auch Software-seitig Großes planen, ist auch wieder unsere Interaktionsagentur Zeughaus mit im Boot.
Zum Glück gibt es ein gutes gemeinsames Verständnis für unsere Werte, dadurch ist es nicht notwendig, dass ich bei jeder Entscheidung dabei bin. Einer meiner Lieblingswerte ist es, zu überraschen – unsere Kunden als auch uns gegenseitig. So freue ich mich, wenn wieder eine Abteilung etwas erreicht hat, mit dem man nicht gerechnet hat.

 

Seedmatch: Was ist deine Vision? Wo soll es mit Protonet hingehen?

Ali Jelveh: Ich glaube, dass Technologie unser Leben nicht nur einfacher machen muss, sie muss uns unabhängig machen! Der Personal Server ist dafür ein wichtiger Schritt. Ich sehe eine Zukunft, in der nicht nur Unternehmen die Hoheit über ihre Daten zurückerlangen, sondern auch jeder Haushalt Herr seiner Daten wird. In diesem Personal Server laufen alle digitalen Kanäle zusammen, bei Kommunikation und Medien angefangen, bis hin zu all den neuen Smart Devices, die in Zukunft Teil unseres Lebens sein werden. Und mit Protonet wollen wir diese Vision Realität werden lassen.
Heute wollen wir die Zusammenarbeit in kleinen Unternehmen revolutionieren und zeigen, dass Einfachheit, Kollaboration und Datenhoheit sich nicht gegenseitig ausschließen. Und mit jedem Tag kommen wir diesem Ziel ein Stück näher.

 

Seedmatch: Ist ein Exit für euch ein angestrebtes Ziel?

Ali Jelveh: Für uns ist der finanzielle Erfolg (und dass es ein großer werden muss) nur logische Konsequenz unserer Vision. Zum einen möchten wir ein exzellentes Produkt liefern, mit exzellenter Usability und das geht nur, wenn man sich mit die besten messen kann und die besten im Boot hat. Und natürlich muss man kontinuierlich an allen Details feilen. Das ist geld- und zeitintensiv. Zum anderen möchten wir globalen Impact haben und dafür müssen wir eine globale Company werden. Das muss natürlich finanziert werden. Wenn dann ein IPO für die Realisierung notwendig ist, werden wir einen IPO machen. Was wir nicht machen werden, ist ein Exit an Microsoft oder Google.