Sind die deutschen Medien wirklich Startup-feindlich?

Großer Aufschrei in Berlin! Die „WirtschaftsWoche“ redet die Startup-Szene der Hauptstadt schlecht. Geschäftsmodelle sollen dort scheitern, so das Magazin. Die Party sei vorbei. Das trifft die emsigen Gründer und Finanzierer – und führt zu der Frage: Verstehen die Medien Deutschlands Gründer nicht – oder sind sie gar Startup-feindlich? Eine Betrachtung.

Sind die deutschen Medien Startup-feinlich?

 

Was war passiert? Michael Kroker, ein Tech-Reporter der „WirtschaftsWoche“ rechnete in einem umfassenden Artikel mit der Berliner Startup-Szene ab: Im Vergleich zum Silicon Valley fehle Berlin das Kapital, die Erfolgsgeschichten, der Erfolg. Krokers Analyse nennt Erfolgsgeschichten und gescheiterte Ideen, zitiert bekannte Namen der Szene und kommt zum Schluss: Wir sehen das „Ende des Hypes um den Internet-Standort Berlin.” Ein Abgesang, ehe es richtig losging. Ist die Party schon vorbei?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, Gründerszene.de titelte schon mal: „Popcorn-Time auf Twitter.” Ciaran O’Leary, seines Zeichens Earlybird-Partner und damit Repräsentant des Kapitalgebers, der u. a. beim Berliner Aushängeschild 6Wunderkinder investierte, antwortete bei der „Huffington Post“:

„(Krokers) Artikel enthält eklatante Fehler, es fehlen wichtige Fakten, er ist einseitig und enthält eine ordentliche Portion Gehässigkeit. Hier wurde eine „Ernüchterungs-Story“ (nice try) so gedreht, dass eine boulevardeske Negativstory daraus wurde.“

Michael Kroker ist ein geschätzter Journalist, der sich mit seinen Beiträgen über IT- und Tech-Themen einen Namen gemacht hat. Er arbeitet für die WirtschaftsWoche, ein Blatt, das mehrheitlich von Mittelständern und Managern etablierter Unternehmen gelesen wird. Diese Menschen erwarten, dass der Mittelstand Rückgrat unserer Wirtschaft bleibt, Angela Merkel Kanzlerin ist und die deutsche Wirtschaft weiter floriert. Wieso etwas ändern, wenn alles gut und schön ist? Es gäbe viele Gründe, nicht oder nur abfällig über Startups zu berichten.

Aber sind die Medien wirklich so Startup-feindlich, wie uns O’Leary glauben lassen möchte?

„(Es täte) Deutschland sehr gut (…), wenn eine breite Unternehmerkultur entstünde. Weil dafür ein positives – aber realistisches Bild – vom Unternehmertum und Startups in der breiten Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Und weil ein Großteil der deutschen Wirtschaftspresse Startups kaum versteht, spielt sie dabei eine negative Rolle.“

Woher O’Leary seine Wahrnehmung über die kritische Haltung der deutschen Medien nimmt, lässt er offen, seine Meinung ist ebenso wenig fundiert wie Krokers Analyse. Die Berichterstattung über Crowdfunding für Startups ist das beste Beispiel dafür: Journalisten finden hier Gründergeschichten, die ganz nah dran an deutschen Privatinvestoren sind. Der Journalist schreibt nicht nur ein Unternehmens- oder Gründerportrait – manchmal erwähnt er auch das gerade stattfindende Funding.

Kurzum: Wir können uns nicht über die Medienberichterstattung beschweren, die im Zusammenhang mit den Startups, die sich bei Seedmatch präsentiert haben, veröffentlicht wurde. Fast jede große Zeitung hat über Seedmatch als ersten und größten Vertreter einer neuen Form der Unternehmensfinanzierung geschrieben, die Branchenzahlen zu Crowdinvesting in Deutschland landeten zuletzt auf der ersten Seite des Finanzmarkt-Teils der FAZ.

Eins steht jedoch fest: Crowdfunding für Startups wäre ohne die deutschen Medien nicht da, wo es jetzt ist – eine wichtige Säule neben Venture Capital-Gebern, Business Angels, Inkubatoren oder Acceleratoren in der Frühphasenfinanzierung von Unternehmen.

Anfangs fragten Journalisten bei Seedmatch noch, ob wir denn nicht immer nur die „schlechteren Startups“ abbekämen und die Venture Capital-Gesellschaften die guten. Inzwischen werden Renditen berechnet, Startups vor und nach dem Funding ausführlich portraitiert. Es hat sich einiges getan – Journalisten fragen bei uns zu aktuellen und bereits gefundeten Startups nach und lassen sich das 1×1 des Crowdinvestings erklären.

Denn Startups haben etwas, was DAX-Konzerne nur noch in Krisenzeiten haben und was Wasser auf die Mühlen aller Journalisten ist: Neuigkeitswert. Junge Gründer bringen Ideen voran, sie stellen neue Innovationen vor, Dinge, von denen die Welt noch nicht gehört hat. Jede deutsche Zeitung hat einen Startup-Redakteur oder -Blog. Deutsche Startups wie e-Volo sind Aufmacher bei ProSiebens Galileo, Protonet dient den Tagesthemen als Beispiel für eine Reaktion auf die NSA. Diese Berichte sind für junge Unternehmen Gold wert. Ein Backlink von der Online-Ausgabe einer großen Tageszeitung kann einen mal eben Monatsplanung um 300% übererfüllen lassen, TV-Beiträge lassen regelmäßig die Server in die Knie gehen. Ohne diese Berichterstattung würde auch die deutsche Startup-Landschaft heute noch nicht dort stehen, wo sie ist.

Entrepreneurship kommt in der deutschen Gesellschaft an: Durch die Medien, durch die Politik, durch Kooperationen des Mittelstands mit Gründern, durch Investments von Weltkonzernen wie Daimler oder Telekom. Niemand kommt in Deutschland noch an dem Thema Startup vorbei. Deswegen ist das Thema Crowdfunding auch ein Geschenk für jeden Redakteur: Hier kann der Leser nicht nur eine Idee entdecken und sich denken: „Wow, tolle Idee.“  Er kann bei dieser Idee direkt dabei sein – ein Teil des Startups werden.

Wir glauben: Crowdfunding verändert die Sicht auf Entreprenuership in Deutschland – und damit auch die Medien-Landschaft. Denn alle Journalisten schreiben für ihr Publikum. Wenn dieses Publikum in Zukunft mehrheitlich eigene Startup-Investments im Portfolio hat, wird sich auch die Wahrnehmung ändern – und die Art und Weise, wie neue Ideen in den Medien diskutiert werden.

 

Jakob Carstens Über den Autor: Jakob Carstens ist Head of Marketing bei Seedmatch und der Schwesterplattform Econeers. Er verantwortet die Weiterentwicklung der Plattform Seedmatch und das Onlinemarketing.

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