Warum wir das Börsen-Segment für junge Hightech-Firmen von Herrn Dr. Rösler befürworten

Vor drei Tagen war es in allen Medien: Rösler will den “Neuen Markt” zurück.

Die Idee von Herrn Dr. Rösler: Ein neues Börsen-Segment für Startup-Unternehmen – genauer für Technologie-Startups. Rösler will die Wachstumsfinanzierung junger innovativer Unternehmen in Deutschland verbessern.

Es hagelt Kritik von allen Seiten. Die einen tun dies als Wahlkampfidee ab. Die anderen sprechen von der Wiederbelebung gescheiterter Modelle.
Denn der “Neue Markt” war ein Börsen-Segment, welches von 1997 bis 2003 existierte. Dieses Segment war vor allem gepägt von Internet-Unternehmen, die die – mitunter überzogene und großspurige – Vision hatten, die gesamte deutsche Volkswirtschaft zu revolutionieren. Zahlreiche Privatanleger investierten ihr Geld und verloren es, da viele Unternehmen, die am Neuen Markt gehandelt wurden, kaum Umsätze oder Gewinne generieren konnten. Ein Skandal folgte dem nächsten und zahlreiche Fälschungen von Bilanzen und anderen Zahlen wurden bekannt. In den Jahren 2000/2001 platzte die “Dotcom-Blase” schließlich und damit auch die Hoffnung auf eine bessere Gründerlandschaft in Deutschland. Seitdem sind Hightech-IPOs und Investoren-Geld in Deutschland rar geworden.

 
Seedmatch begrüßt die Idee eines “Neuen Marktes 2.0”

Wir fragen uns: Was ist an dieser Idee so falsch, junge Tech-Startups mit Kapital zu versorgen und so die deutsche Volkswirtschaft so zu stärken? Was ist daran falsch, innovativen Unternehmen einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt zu verschaffen und unserer Marktwirtschaft zusätzlichen Antrieb zu geben? Die Lücke zwischen Deutschland und den USA ist hier riesig: “2012 investierten Wagniskapitalgeber in Deutschland dem Branchenverband BVK zufolge nur gut 500 Millionen Euro. In den USA waren es fast 27 Milliarden Dollar”, schreibt Spiegel Online.

Natürlich gibt es auch jetzt schon Börsengänge von kleinen Unternehmen – ohne ein eigenes “Startup-Segment” gehen diese jedoch auf dem Börsenparkett unter und erreichen nur wenige potentielle Investoren.
Eine weitere Möglichkeit, die Rösler deshalb vorschlägt, wäre, den bereits existierenden “Entry Standard” der Deutschen Börse noch attraktiver für junge Technologie-Unternehmen zu machen.

Bei Unternehmen mit Umsätzen im zweistelligen Millionen-Bereich (zehn bis 50 Millionen) halten wir einen IPO-Markt für das Richtige – eine solche attraktive Exit-Möglichkeit ist genau das, was der Deutschen Startup-Szene fehlt.

 

Risiken im Blick behalten

Auch wir wollen definitiv keine neue Internetblase – und das damalige Börsensegment wurde nicht ohne Grund 2003 aufgrund der fehlenden Anbieter und Nachfrager eingestampft. Wir glauben aber auch, dass Investoren und die Institution Deutsche Börse aus diesen Fehlern lernen können.

Wir glauben außerdem: Die Deutsche Börse kann mehr für den Investorenschutz tun – institutionelle Anleger rücken in den Fokus, nicht Privatanleger. Es soll hier vor allem um “Profi-Investoren” bzw. Fondsgesellschaften gehen. Anstatt also nur negative Aspekte aufzuzeigen, sollten also auch die positiven aufgezeigt werden:

Junge deutsche Unternehmen hätten eine bessere Möglichkeit, Wachstumskapital zu generieren, das über die Beträge, die beispielsweise via Crowdfunding eingeworben werden können, hinausgeht.
Klar ist: “Es gibt zu wenig deutsche Investoren”, stellt Florian Nöll, Vorstand beim Bundesverband Deutsche Startups in Berlin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung fest.

 

Jens-Uwe Sauer zum "Neuen Markt" von Herrn Dr. Rösler

 

Es ist gut, dass es in der deutschen Politik einen Glauben an junge, deutsche IT-Firmen und Internet-Startups gibt.

Das ist keine Wahlempfehlung für Dr. Rösler. Auch die Bundeskanzlerin und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück haben verschiedene interessante Ansätze, wie Startups aus Deutschland zu mehr Erfolg gelangen können und mit weniger Barrieren einen Gegenpol zur Konkurrenz aus dem Silicon Valley bilden können.

In Deutschland gibt es eine Finanzlücke, die auch Crowdfunding für Startups nicht so einfach schließen kann. Seedmatch hat seit 2011 viele neue Ideen unterstützt und dafür Kapital aus einer Quelle vermittelt, die es bis dahin nicht gab: privates Kapital von Jedermann. Wir werden auch in Zukunft unseren Fokus auf Startups der frühen Phase legen – ein IPO-Markt ist also eine Zukunfts-Vision für Startups, nachdem sie bei Seedmatch finanziert wurden. Ein Börsen-Segment für Technologie-Startups eröffnet Perspektiven für Gründer und gibt Entrepreneurship in unserem Land neuen Wind.

Für einen längerfristigen Erfolg der deutschen Startup-Szene ist mehr Geld von Nöten. Auf deutsche Banken kann man sich dabei leider nicht verlassen: für Risikokapital, auch wenn das IT-Projekt oder die Geschäftsidee dahinter noch so erfolgversprechend ist, gibt es kaum Geld. Der Börsengang könnte ein Weg sein, diese dringende Lücke an Wachstumskapital zu schließen.

 

 

 

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  1. Tschesche sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine institutionalisierte Exit-Möglichkeit ist, die der deutschen Startup-Szene fehlt. Eigentlich haben Unternehmen ab einer gewissen Größe ausreichende Exit-Möglichkeiten. Wichtiger wäre eine rechtlich freiere Ausgestaltung des Beteiligungsmarktes und eine gewisse Haftung für Emittenten und den Vertrieb.
    Die forderung nach etwas Neuem für Startups, insbesondere Technologieunternehmen, ist aber trotzdem unstritig und wichtig! Wünschenswert wäre es aber, dass man sich da etwas innovativer und zukunftsorientierter verhält. Möglichkeiten gäbe es viele. Ein extra Börsensegment halte ich für einen Rückschritt!

  2. Wolfgang Golling sagt:

    Guten Tag Herr Sauer,

    es ist schön, wenn ein wieder belebter „Neuer Markt“ neue Finanzierungschancen bietet. Auch schön, wenn sich für seedmatch dadurch ein erweitertes Geschäftsfeld ergibt.

    Die Sache hat aber etliche Tücken, die es in sich haben. Einerseits sollen den Börsenwilligen weniger Auflagen gemacht werden, andererseits hätte seinerzeit so manches Unternehmen Kontrolle dringend nötig gehabt. Profiinvestoren haben damals manche Aktien zum Spielball der Spekulation gemacht (geht ja einfach bei geringem Börsenwert). Deshalb ist am Ende der Markt zum Stillstand gekommen. Die FAZ schreibt richtigerweise: Um institutionelle Investoren und startups zusammen zu bringen, braucht es nicht keinen Neuen Markt. (Es gibt ja auch noch den Entry Standard, der nicht mit dem Makel des Neuen Marktes behaftet ist.) Und schließlich: In den letzten Jahren liefen Börsengänge besonders bei kleinen Unternehmen immer schlechter. Wie und warum sollte sich das ändern?

    Anstelle von seedmatch würde ich meine strategischen Überlegungen darauf richten, wie ich die startups über die ersten fundings hinaus begleiten könnte bei der Beschaffung von Kapital. Eine gute Entwicklung, eine gute Story und ein vertrauenswürdiger Begleiter seedmatch werden auch neues Kapital finden. Angefangen bei den ersten funding-Investoren.

    Also: Erweiterte Finanzierungsmöglichkeiten für junge Unternehmen: ja, ein neuer Neuer Markt: muss nicht sein.

    Beste Grüße

    Wolfgang Golling